THE INTERVIEW IN|DEEDS: Ursula Sax

Prolog | Persönliches

Frau Sax, stellen Sie sich vor, die Pandemie würde derzeit nicht unser Leben bestimmen und Sie könnten uns in Ihrem Zuhause oder in Ihrem Atelier empfangen. Wo sprechen wir zusammen, wo treffen wir Sie? Ich wohne in der Bundesallee, in Berlin Wilmersdorf, im 4. Stock, von dem aus man gut die Vögel beobachten kann. Die Stadttauben und die Krähen. Altbauwohnung. Vielleicht sitzen wir an Ihrem Lieblingsplatz? Wir sitzen in meiner „Wohnstube“, an einem 8-eckigen Tisch. Die Wohnung ist sehr groß: 200 qm und in diesem Zimmer ist die Balkontür, der Balkon ist riesig. Die Wohnung ist ziemlich aufgeräumt. Das sind 2 ineinander übergehende Zimmer und das 2. ist sozusagen meine Werkstatt. Darin ist ein sehr großer Arbeitstisch und eine Werkbank, mit einem stattlichen Schraubstock.

DEEDS WORLD - UrsulaSax 2017 - Foto Mathias Bothor

Ursula Sax 2017 – Foto: Mathias Bothor

Woher kommen Sie, wo sind Sie wann geboren? Welche Stationen und Menschen haben Sie geprägt? Ich bin Bildhauerin und habe viele Jahre lang körperlich schwer gearbeitet, mit Holz und Stein und Eisen. Später auch mit Stoff und auch viel mit Papier. Ich bin jetzt 85 Jahre alt und nicht mehr so kräftig. Ich bin 1935 in der Nähe von Stuttgart geboren und habe von meinem 15. Lebensjahr an an der Staatlichen Akademie für Bildende Künste in Stuttgart 5 Jahre lang Bildhauerei studiert. Danach war ich 3 Monate in Paris – um es mir als möglichen künftigen Standort anzusehen. Es war hochinteressant, ich habe einige berühmte Künstler besucht, aber es kam nicht infrage dort zubleiben. Ich war bis dahin doch sehr behütet in meinem Elternhaus, täglich nach Stuttgart mit Bus, Bahn und Straßenbahn zur Kunstakademie gefahren und abends zurück. Und ich hatte ja auch kein Geld und erst mal keine Aussicht welches zu verdienen. Und: Paris ist nicht meine  Stadt. Nach einer sehr kurzen Zeit ging ich nach Berlin. Berlin erkannte ich sofort als „meine Stadt“. Da ich dort niemanden kannte, schrieb ich mich noch einmal in der dortigen Kunstakademie ein, bei dem wunderbaren Bildhauer Hans Uhlmann, in dessen Klasse man in Eisen arbeiten konnte – so wie er selbst das tat. Mein erstes Atelier hatte ich in Kreuzberg, in einem Keller im Hinterhaus. Gewohnt habe ich damals in einer Kellerwohnung im Vorderhaus. Zu dieser Zeit arbeitete ich mit Eisen. Allmählich wurde ich ein wenig bekannt, erhielt diese und jene Förderung. 1. Preis bei einem eingeladenen Kunst-am-Bau-Wettbewerb, ein Reisestipendium für Griechenland. 1960 starb mein Vater und somit endete die monatliche elterliche Unterstützung. Von da an konnte ich ­– zwar bescheiden, doch von meiner Kunst leben.
Der erste, der mich geprägt hat, war sicherlich mein Vater. Er war Volksschullehrer mit viel Bildung, er hatte in der Hitlerzeit Berufsverbot. Er hatte ein steifes Bein aus dem ersten Weltkrieg und hat dann jahrelang studiert. Zuerst in Stuttgart an der TU,  Architektur, dann in Tübingen Kunstgeschichte und Germanistik. Nach dem Kriegsende wurde er wieder Volksschullehrer in unserem Dorf. Er hatte einen großen geistigen Horizont, hat sein Leben lang gedichtet und uns Kindern die Künste sehr nahe gebracht. Ich bin die Jüngste von 3 Töchtern. Die Älteste studierte Klavier und Uta, die Mittlere, wurde eine bekannte Schauspielerin.

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Ursula Sax, Das Geometrische Ballett, Aufnahmen der Luftkleider durch das ZDF mit Ursula Sax (sitzend) vor dem Festspielhaus Hellerau bei Dresden, Juni 2019, Foto: Semjon H.N. Semjon

Welche Schriftsteller*innen finden Sie derzeit spannend und welche Bücher finden sich in Ihrem Bücherregal? Die Bibel war in meinem Elternhaus ein Buch in dem wir – die Familie – jeden Tag gemeinsam las. Und die gesamten Klassiker waren präsent. Meine wichtigsten 2 Bücher waren Josef und seine Brüder, von Thomas Mann und Henri Quatre von Heinrich Mann. Und viele andere. Ortega i Gasset war auch wichtig. Wenn Sie etwas für uns kochen würden, was wäre es? Und was essen Sie am liebsten? Ich würde mit Sicherheit nicht für Sie kochen, doch bei mir um die Ecke  gibt es einen Franzosen, “Patrice“, bei dem ich häufig esse und da würde ich Sie sicher hinführen. Was halten Sie vom Frühstücken? Frühstück war für mich viele Jahre lang das wichtigste Essen am Tag – lieber bin ich früher aufgestanden als notwendig – nur um in Ruhe frühstücken zu können.

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Ursula Sax, Das Geometrische Ballett, Aufnahmen der Körpermasken durch das ZDF
vor dem Festspielhaus Hellerau bei Dresden, Juni 2019, Foto: Semjon H.N. Semjon

Interview | Künstler + Position

Zu Beginn erzählen Sie uns bitte in ein paar Sätzen Ihre künstlerische Vita.

1960 verließ ich meinen Kreuzberger Keller und mietete ein Ladenlokal in Friedenau. 1963 – 64 war ich in Florenz, Villa-Romana-Preis. 1965 heiratete ich einen Grafikdesigner, der fortan meine Kataloge machte. 1970 kauften wir mit Freunden zusammen ein Haus in Berlin-Zehlendorf. 1978 beendete ich die Ehe und verließ das gemeinsame Haus. Kunst im Öffentlichen Raum und die Arbeit mit Stadt und Architekten wurde ein Schwerpunkt für mich. Ich hatte inzwischen mehrere Wettbewerbe gewonnen und zum Teil auch ausgeführt. 1980 hatte ich ein 3-monatiges Stipendium im Staat New York. Ich lehrte an 3 deutschsprachigen Kunsthochschulen: Berlin, Braunschweig, Dresden. 1982 und 1990 hatte ich je eine Gastprofessur, eine an einer Bildhauerklasse, die 2. an der Klasse für Bühnenkostüm, an der Hochschule für Bildende Künste Berlin. Von 1990 – 92  hatte ich eine Professur an der Kunsthochschule in Braunschweig und von 92 – 2000 an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Ich war interessiert an Religion / Religionen.  Ich sah mir die anderen, nichtchristlichen Religionen an. Ich war etwa 15 x in Indien, immer nur kurz. Ich machte jahrelang Yoga, oder ähnliche Techniken wie z.B. Feldenkrais. Meine Leidenschaft ist mein Beruf, die Kunst. Allerdings hatte ich viele Jahre lang eine Parallel – Leidenschaft: die Psychotherapie. Ich selbst hatte viele Therapeuten, weil ich, wie ich das heute begreife, zu meiner Weiterentwicklung immer wieder Anstöße brauchte. Eines Tages, als ich Psychodrama kennen lernte, entdeckte ich, dass ich da eine ausgesprochene Begabung habe, und ich machte mehrere Ausbildungen und begann, mit Menschen zu arbeiten.  Man kann eben mehrere Begabungen haben, dies zu erkennen und sie zu entwickeln macht erst den ganzen Menschen aus. Es ist möglich, Meisterschaft auf mehreren Gebieten zu entwickeln. Lange hatte ich der Kunst gegenüber ein schlechtes Gewissen, dabei hat und hätte sich das gut ergänzt. Z. B. die Bildende Kunst ist ein einsames Geschäft: den ganzen Tag allein im Atelier zu sein ist auch hart. Ich habe oft Menschen beneidet, wie Architekten-Freunde, die  zu mehreren in ihren Räumen zusammenarbeiteten. Ich hätte ohne weiteres Therapieklienten in mein Atelier bestellen können. Ich bräuchte mir nur die Hände zu waschen und könnte beginnen. Die Kunst, vor allem die Bildhauerei alter Schule, ist umständlich, bedarf der Vorbereitung und des Materials. Ich habe mir das leider nicht erlaubt – das Nebeneinander – Miteinander. Mein Leben wäre viel leichter gewesen – und vergnüglicher. Das sehe ich jetzt im Alter. Die erlernten und verinnerlichten Programme. Wie schade ! Inzwischen hat sich die Therapie-Seite von mir zurückgezogen.

DEEDS WORLD - Ursula Sax 2011 Raummesser - Foto-Eberhard Bosslet

Ursula Sax, Raummesser, 2011, Aluminium, Styropor, Theaternessel, Binderfarbe
5,5 m (Höhe) x 21,5 m x 5 cm, Foto: Eberhard Bosslet

Erläutern Sie uns kurz Ihr aktuelles Projekt bzw. die kommende Ausstellung.

Ich habe gerade eine Ausstellung bei Semjon Contemporary: „aus und auf Papier“. Es ist die auszugsweise Illustration zu dem von Semjon gerade publizierten 520 seitigen Buch zu meinen Werken aus und auf Papier. Semjon verdient mein Respekt. Es hat im Corona-Jahr meine 71 Jahre Schaffenszeit zusammengefasst: Vieles, was in dem Buch ist, habe ich zumeist schon wieder vergessen gehabt. Aus den Augen, aus den Sinn.
Aber eine Erkenntnis tut sich auf: Die Vielseitigkeit in meinem Werk, DER ROTE FADEN bin ich!

DEEDS WORLD - Ursula Sax - Semjon Contemporary 2021 - Foto-Juergen Baumann -2

Ursula Sax, Ausstellung aus und auf Papier, 2021, Foto: Jürgen Baumann

Wie sind Sie zur Kunst gekommen? Warum Kunst?    
Zur Kunst kam ich durch meinen Vater – durch das Leben. Warum hatte ich diesen Vater ….?

Was macht Sie aktuell glücklich?

Glücklich macht mich aktuell:  Das was um mich herum los ist.
Am 31. 05. wird ein Wettbewerb juriert – mal sehen was herauskommt.

Was macht Ihnen aktuell Angst?

Angst macht mir im Moment nichts.

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Ursula Sax, Das Geometrische Ballett, Aufnahmen des “Walfisch” durch das ZDF
vor dem Festspielhaus Hellerau bei Dresden, Juni 2019, Foto: Semjon H.N. Semjon

Glauben Sie, dass Kunst eine gesellschaftliche Verantwortung trägt? Und was denken Sie, was sie bewirken kann?

Jeder von uns hat eine gesellschaftliche Verantwortung, jeder soll seinen einmaligen Beitrag bringen. Wer zum Künstler geboren ist soll das machen was ihm aufgetragen ist. Das spürt jeder selbst. Alles zusammen ist der Reichtum der Menschheit.

Was macht Ihre Kunst aus? Worum geht es in Ihrem Werk – was sind die zentralen Themen?

Es hat sich herausgestellt, das Kunst im Stadtraum, Kunst im öffentlichen Raum ein Schwerpunkt meines Interesses und meiner Begabung ist. Es fasziniert mich, zu einer gegebenen städtisch-räumlichen Situation etwas beizutragen, das es vorher nicht gab. Etwas, das NEU ist in dieser Umgebung und ihr etwas hinzufügt, das ihr eine neue Bedeutung gibt.

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DEEDS WORLD - Ursula Sax 1974-2015 digitales Modell begehbare Plastik-1974 - Sax_Muendner_Semjon

Ursula Sax, 1974-2015, digitale Visualisierung von Modell für eine begehbare Plastik, 1974
© Sax, Mündner, Semjon

Wie schützen Sie sich in der heutigen Zeit vor zu viel Inspiration?

Vor zu viel Inspiration muss man sich zu keiner Zeit schützen.

Wie viel in Ihren Arbeiten ist vorher geplant – wie viel entsteht intuitiv?

Manchmal ist die Intuition spontan da, andere Male habe ich mich sehr um eine Idee geplackt, bis sie sich dann einstellte. Wenn es sich um Entwürfe für eine öffentliche Aufgabe dreht, beginne ich mit der Planung – nicht immer kommt die „zugeflogene“ Idee dann noch dazu. Wenn sie nicht kommt nenne ich das Resultat „Gestaltung“, wenn sie kommt, nenne ich es „Schöpfung“.

Was sind Ihre (nächsten) Ziele?

Nächste Woche muss ich die angeforderten Dinge für einen mir sehr wichtigen Kunst-am-Bau-Wettbewerb abgeben. Das ist mein nächstes Ziel.

Wie stehen Sie zum Thema Glauben? Haben Sie Glaubensgrundsätze oder gibt es einen Leitspruch?

Grundsätze behindern die spontanen Antworten auf das was ansteht. Das weiß ich aber noch gar nicht so lang. Der Glaube an das Leben und die unendlichen Möglichkeiten – von denen  man uns von klein auf eingeredet hat, dass die meisten keine Möglichkeiten wären – ist entscheidend.
Der Mut zum Unmöglichen ist unabdingbar.

DEEDS WORLD - Ursula Sax 2019 Regensburg Foto-Frank Zimmer

Ursula Sax, Regensburg, 2019, Packpapier, Binderfarbe, je 5 m (Höhe) x 4 m x 0,5 m, Foto: Frank Zimmer

Welches Projekt würden Sie gerne noch realisieren, wenn fehlende Zeit, mangelnder Mut oder finanzielle Ressourcen keine Rolle spielen würden?

Das was auf mich zukommt.

Was sind aus Ihrer Sicht Attribute für gute Kunst?

Authentizität, das was von innen kommt, sich zeigt.

Wird man als Künstler*in geboren? Oder ist ein Kunststudium aus Ihrer Sicht Pflicht?

„Jeder Mensch ist ein Künstler“, vielen ist das nie bewusst. Und man wird als solcher geboren – ich empfehle ein Kunststudium. Es verkürzt den Weg. Es gibt Orientierung, Professionalität. Man kann sich umschauen, was um einen herum gemacht wird. Ein Drittel ist die Klasse, die Mitstudenten. Ein Drittel ist der Lehrer und was er/sie macht und sagt, ein Drittel ist die allgemeine Kunstsituation und der Diskurs darüber.

DEEDS WORLD - Ursula Sax - Semjon Contemporary 2021 - Foto-Juergen Baumann -1

Ursula Sax, Ausstellung aus und auf Papier, 2021, Foto: Jürgen Baumann

Wem zeigen Sie ein neues Werk zuerst?

Dem, der gerade da ist.

Wie sieht die erste Stunde Ihres Tages aus?

Im Lauf der vielen Jahre die ich schon lebe – immer anders. Fast mein ganzes Leben lang bin ich um 6:30 aufgestanden. Jetzt gehe ich sehr spät zu Bett und stehe sehr spät auf.

Sind im Zeitalter des Internets der Dinge Galerien noch notwendig? Wenn ja, warum und wofür?

Die ganzen Jahrzehnte lang hatte ich keine Galerie und wollte auch keine. Jetzt, im Alter habe ich seit 5 Jahren einen Galeristen der sehr viel für mein Werk tut. Dafür bin ich ihm dankbar.

Social-Media – aus Ihrer Sicht Segen oder Fluch?

Weder Segen noch Fluch. Es ist wie mit allem: Man kann es nutzen oder auch nicht. Die Welt verändert sich permanent, sich dagegen zu sperren ist unsinnig. Es gibt ständig neue Möglichkeiten und alte fallen weg.

Epilog | Aktuelles

Die Einzelausstellung Ursula Sax – aus und auf Papier mit Werken von 1948 bis 2021 ist vom 24. April bis zum 14. August 2021 in der Galerie Semjon Contemporary, Schröderstraße 1, 10115 Berlin-Mitte zu sehen.

www.werksax.de


In Zeiten von Corona, in denen Reisen, Atelierbesuche und persönliche Kontakte unangebracht oder sogar unmöglich sind, bleibt das schriftliche Interview ein wichtiges Medium, um Künstlerpersönlichkeiten vorzustellen, um ihre Botschaften zu verbreiten und um mit Kunstliebhabern in Kontakt zu bleiben. Die Interviews werden von der Redaktion nicht redigiert oder gekürzt und stets im O-Ton wiedergegeben. Daher nehmen wir auch keine Übersetzung des Interviews in Englische bzw. Deutsche vor, es sei den, diese wird seitens des/der Interviewten eingereicht.

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