THE INTERVIEW IN|DEEDS: René Schoemakers | Karl Oskar Gallery

PROLOG | PERSÖNLICHES

René, stell Dir vor, die Pandemie würde derzeit nicht unser Leben bestimmen und Du könntest uns in Deinem Zuhause oder in Ihrem Atelier empfangen. Wo sprechen wir? Wir treffen uns in Kiel, am westlichen Rand des Stadtgebiets in meinem Haus. Drumherum Einfamilienhäuser und Grün. Hinter dem Haus ein großer Garten, dahinter ein kleines Waldstück. Schaut man aus dem Fenster sieht man nur Grün, auch weil im Garten ein riesiger Mammutbaum steht. Wenn man die Wohnung sieht und Atelier oder Bilderlager nicht betritt, kommt nicht der Verdacht auf, dass in dem Haus ein Künstler wohnt und arbeitet. Ein Journalist schrieb einmal über unsere Wohnung „herrlich unprätentiös“. Er meinte natürlich „langweilig“. Vielleicht sitzen wir an Deinem Lieblingsplatz? Wir sitzen im Atelier, meinem Arbeitsplatz. Da ich die meiste Zeit arbeite und mich niemand dazu zwingt, könnte man gewissermaßen von Lieblingsplatz sprechen.

René Schoemakers, Porträt, Ostsee bei Kiel, 2021
Foto: © Tom Fechtner

Woher kommst Du, wo bist Du wann geboren? Ich bin 1972 in Kleve am Niederrhein geboren. Dort habe ich bis 1992 gelebt und ab 1987 auch erste Ausstellungen gehabt. Kleve ist vielleicht in der Kunstwelt bekannter als Ort, an dem Joseph Beuys aufgewachsen ist. Wo lebst und arbeitest Du derzeit? Seit 1992 lebe ich in Kiel, zunächst mit meiner Frau, mit der ich seit 34 Jahren zusammen bin und dann nach und nach mit immer mehr Kindern, am Ende fünf. Mein Atelier befindet sich im Souterrain des Hauses, nach meiner Zeit an der Kunsthochschule habe ich immer mein Atelier im Haus gehabt. Welche Stationen und Menschen haben Dich geprägt? Man kann wohl als Betroffener nicht ganz objektiv darüber Auskunft geben, zumal solche Prozesse primär hinter dem Rücken des passiven Protagonisten ablaufen. Mutmaßlich – sofern ich das selbst rekonstruieren kann – hat mich zunächst meine Herkunft geprägt. Ich bin ein katholisches Arbeiterkind vom Land. Das ist wohl der Grund dafür, warum mir die Kunstwelt, der Kunstbetrieb insgesamt habituell fremd sind und bleiben. Kunst ist eine bürgerliche Veranstaltung und ich ein Prolet. Weiterhin dürfte die Beziehung zu meiner Frau mich geprägt haben, wenn man 34 Jahre zusammenlebt und auch in Sachen Kunst vieles gemeinsam gemacht hat, dann dürfte das auch prägend sein.

DEEDS WORLD - Rene Schoemakers - Ostsee 2 - Foto Tom Fechtner

An der Ostsee bei Kiel, 2021
Foto: © Tom Fechtner

Welche Schriftsteller*innen findest Du derzeit spannend und welche Bücher finden sich in Deinem Bücherregal? In meinem persönlichen Bücherregal stehen zur Zeit ca. 2200 Bücher aus den Bereichen Philosophie, Literatur und Kunst. Da wechseln die Interessen schnell, je nach Arbeitskontext. Was gerade spannend ist, bestimmt die aktuelle Arbeit. Meine letzte intensivere literarische Leseerfahrung war George Saunders. Interessanterweise habe ich ihn komplett „rückwärts” gelesen: Lincoln im Bardo, Zehnter Dezember, I can speak, Pastoralien, Bountyland.
Ich bin Vollständigkeitsjunkie. 31 Bände von Thomas Mann im Regal. Das Gesamtwerk ist für mich immer Rahmen struktureller Erkenntnis. Man kann keinen Autor, Musiker oder Maler über ein paar Werke verstehen. Also muss ich im Fall der Fälle immer alles haben. Welche Bücher haben Dich beeinflusst oder geprägt? Kants kritische Schriften, Hegel, Horkheimer/Adorno, Habermas, Wittgenstein, Martha Nussbaum, Arthur Danto, Nelson Goodman, Gilbert Ryle, John Langshaw
Austin, Donald Davidson, Robert Brandom etc. Literarisch: Thomas Mann – Joseph und seine Brüder, Thomas Pynchon – Gegen den Tag, David Foster Wallace – Unendlicher Spaß, William Gaddis – Die Fälschung der Welt, George Saunders – I can speak, William Saroyan – Menschliche Komödie.

Atelier, Kiel, 2021
Foto: © R. Schoemakers

Was liest Du aktuell und wo liegt das Buch griffbereit? Ronald Dworkin – Gerechtigkeit für Igel (Igel kommen darin nicht vor). Aber das Arbeitszimmer mit den Bücherregalen liegt neben dem Atelier. Alles muss immer griffbereit sein. Welche Musik hörst Du und wann? Musik höre ich beim Malen oder Schreiben. Überwiegend aus einem Spektrum, dass man in der Regel als „progressiv“ beschreibt. Klassisches also aus den 70ern, King Crimson, Yes, Gentle Giant, Genesis, Rush, Camel etc. Dann auch Neueres wie Between The Buried And Me, Tool. Eben vorzugsweise alles, was sich nicht mit dem klebrigen Versprechen von Authentizität an den Hörer ranwanzt. Punk ist eine musikalische Sachertorte. Ausnahme: Sleaford Mods. Als Prolet darf ich das hören. Wenn Du etwas für uns kochen würden, was wäre es? In jedem Fall essbar. Oder sagen wir, es gäbe eine 95%ige
Chance. Was isst Du am liebsten? Nahrung. Was hältst Du vom Frühstücken? Was halte ich vom Atmen? — „Papa, hast du schon Schlamm gegessen?“ (Objektiv betrachtet, aus der Perspektive informierter Erwachsener, ist „Schlamm“ lediglich Magerquark mit einer Mischung aus Körnern, Samen und Nüssen.) Ich esse Schlamm. Und halte viel von Schlamm.

René Schoemakers, Im Atelier, Kiel, 2021
Foto: © Anders Siech

Welchen Sport oder Ausgleich zu Ihrer Arbeit betreibst Du? Ausgleich zu meiner Arbeit ist Schlaf. Sport: ja. Hast Du besondere Leidenschaften, Hobbies, für die Du brennst, und wenn ja welche? Eher nicht. Mit 14 oder 15 musste ich mich entscheiden, was mir am wichtigsten ist: Schreiben, Malerei oder Musik. Es war dann die Malerei. In jungen Jahren habe ich eine Zeit lang in einer Band mit Freunden gespielt. Heute steht noch meine E-Gitarre im Atelier, darauf spiele ich zwischendurch, wenn das Malen stockt. Aber ansonsten kenne ich nur zwei Aggregatzustände: Arbeiten oder Schlafen.

Atelier, Kiel, 2021
Foto: © R. Schoemakers

Welches Persönlichkeitsmerkmal macht Dich aus? Verstand. Manche Leute sagen auch, ein böser Humor. Mag sein, jedenfalls schließt das eine das andere nicht notwendig aus.

INTERVIEW | KÜNSTLER + POSITION

Zu Beginn erzähle uns bitte in ein paar Sätzen Deine künstlerische Vita.

Zunächst habe ich in mehreren Bereichen angefangen, Philosophie, Malerei, Literatur, Musik. Das war lange gleichwertig. Aber mit 14 Jahren hat sich dann die Malerei in den Vordergrund geschoben, ab da habe ich im Grunde täglich gemalt. Nachdem ich mit meiner späteren Frau zusammen war, habe ich dann auch angefangen auszustellen, mit 16 ungefähr. Als ich 18 war, war ich zum ersten Mal an einer Ausstellung im Museum beteiligt.

The Unencumbered Self (17″ Darkmix)
2017, Acryl auf Leinwand, 45 x 45 cm

Mit 19 dann der erste „Skandal“, der durch die Presse der Stadt ging und wo mir bis auf meine Arbeit im Zivildienst hinterher telefoniert wurde. Ab da war mir klar, dass es bei der Kunst bleibt.

Oberflächenspannung, Museum Angerlehner, Österreich, 2020
Foto: © R. Schoemakers

Ich habe meine Mappe für die Zulassungsprüfung gemacht und bin nach dem Basissemester in der Malklasse von Peter Nagel gewesen, der „Klasse für gegenstandsbezogene Malerei“. Insgesamt war das Studium im Vergleich zu anderen Hochschulen bzw. Malklassen recht traditionell, neben der freien Arbeit war z.B. malerisches Naturstudium oder Akt- und Figurenzeichnen nach Modell obligatorisch, ebenso das fachmännische Anrühren von Eitempera. Klingt unsexy, aber ich profitiere immer noch davon, dass man Hand und Auge so geschult hat, denke ich.

Carne levale [A]
2012, Acryl/Leinwand, Folie, je 40 x 30 cm
Privatsammlung Frankfurt/M

Ende des Studiums kamen dann erste Einzelausstellungen in Museen in Schleswig-Holstein, nach dem Studium dann die erste Galeriekooperation in Hamburg. So kam immer eines nach dem anderen. Obwohl ich immer schon gemerkt habe, dass meine Arbeit den Verwaltern des Betriebs häufig verdächtig war. Seit den Anfängen noch in Kleve mache ich alles allein, die Kunst, die Dokumentation, die Kommunikation. Deswegen gibt es keine echten Netzwerke bei mir, was dazu führt, dass ich mehr Einzel- als Gruppenausstellungen gemacht habe. Aber Randständigkeit ist ja kein Makel an sich.

Erläutere uns kurz Dein aktuelles Projekt bzw. die kommende Ausstellung.

Im Augenblick bin ich mit den Vorbereitungen zu meiner nächsten Ausstellung im Museum für Kunst und Kulturgeschichte in Dortmund beschäftigt. Die Ausstellung ist sehr umfangreich mit ca. 160 Leinwänden auf ungefähr 1000 m2 Ausstellungsfläche.

Rotes Präparat II (Nullpunkt)
2019, Acryl/Leinwand, 170 x 290 cm
Privatsammlung Wien

Neben den üblichen Vorarbeiten gibt es einiges mehr zu tun, da die Ausstellung in den Stadtraum erweitert wird mit ca.20 grafischen Motiven, die als Plakate an verschiedenen Stellen der Stadt zu sehen sein werden, ebenso wie in einer langen Fensterfront des Museums. So etwas frisst immer viel Zeit in der Planung und Umsetzung.
Dafür kann man dann von August bis Januar die wesentlichen Werkserien der letzten sechs oder sieben Jahre im Zusammenhang sehen. Ein Viertel der Arbeiten ist dafür aus privaten Sammlungen oder Museumssammlungen ausgeliehen worden, was auch immer Aufwand bedeutet.

Genius Loki (Klever Skizzen II)
2020, Acryl/Leinwand, je 40 x 30 cm

Worüber machst Du Dir zurzeit am meisten Gedanken; was beschäftigt Dich?

Philosophen machen sich immer Gedanken über alles, das ist ihr Beruf. Konkret: Ob der um sich greifende tribalistisch-separatistische Unsinn so überbordend werden kann, dass am Ende die Idee eines universalistischen Humanismus komplett in Trümmern liegt. Was mir als Kantianer schwer auf den Zeiger gehen würde. Dummheit nervt.

Mater Astricta, Museumsberg Flensburg, 2015

Wie bist Du zur Kunst gekommen? Warum Kunst?

Nachdem Adam und Eva trotz Verbots vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, ist ihre primäre Erkenntnis, dass es etwas zu erkennen gibt. Dass also das, was bis dahin nur „da“ war, ihnen nun als etwas gegenübersteht. Die Welt wird Gegenstand und muss also erkannt und verstanden werden. Man könnte es auch mit Heidegger formulieren, dass bis dahin der Garten Eden mit allem darin Eva und Adam zuhanden war, nun ist allerlei vorhanden. Nicht zuletzt auch Eva und Adam füreinander. Folgerichtig heißt es also daraufhin, dass sie nach der Vertreibung einander „erkannten“.

Lucretia II
2017, Acryl/Leinwand, 40 x 30 cm

Vor dem Sündenfall wussten sie nicht einmal, dass sie nackt sind. Und so hat der Sündenfall nicht nur die Erotik, sondern auch die Kunst begründet, als ein spannungsvolles Bemühen, die Welt zu „erkennen“, was immer ein aktives Tun und Gestalten ist, kein passives Registrieren dessen, was ist. Folgerichtig ist im Sinne Goodmans Kunst eine „Weise der Welterzeugung“, jedes Werk ein Werk über (im Sinne Dantos) eine Welt, die im Werk erkannt und erzeugt wird.
Wenn man als junger Mensch sich in einem distanzierten Verhältnis zur Welt wahrnimmt, kann man nur Künstler werden, um die erwähnte Spannung einerseits zu bearbeiten, aber paradoxerweise auch immer wieder zu erneuern. Als Wissenschaftler würde man meist als Ideal angeben, dass man die Welt verstehen will. Als Künstler beginnt man mit der Erkenntnis, dass man sie zuallererst hervorbringt.

too bold to rock’n’roll (II)
2016, Acryl/Leinwand, Kugelschreiber auf Papier, ca. 200 x 200 cm

Was macht Dich aktuell glücklich?

Existieren. Familie. Wind in Bäumen. Wellen. (Nebenbei: in Schleswig-Holstein leben die glücklichsten Menschen Deutschlands. Das muss am Wind liegen, meine These.)

Was macht Dir aktuell Angst?

Angst ist nicht konstruktiv. Wir haben uns einvernehmlich getrennt.

Glaubst Du, dass Kunst eine gesellschaftliche Verantwortung trägt? Und was denkst Du, was sie bewirken kann?

In einer arbeitsteiligen Gesellschaft hat Kunst vor allem die Aufgabe, das, was ihre differentia specifica ist, zu bewahren. Ohne essentialistisch argumentieren zu wollen, kann man doch sagen, dass Autonomie im Sinne von Eigengesetzlichkeit und Nicht-Instrumentalisierbarkeit das wesentliche Merkmal von Kunst im modernen Sinne ist. Wenn Kunst also als Stimme im gesellschaftlichen Diskurs gehört werden will, dann nur dann, wenn sie gänzlich davon absieht, dass sie dort gehört werden will. Das ist das Paradox der Autonomie der Kunst; nur wenn sie auf Zweckfreiheit besteht und vollkommen verantwortungslos ist, übernimmt sie Verantwortung und erfüllt einen gesellschaftlichen Zweck.

Segismundo (forms&instances)
2014, Acryl/Leinwand, Folie, insgesamt ca. 70 x 210 cm
cubus-m, Berlin, 2015

Kunst ist keine Marketingabteilung, auch nicht für den guten Zweck. Galerien, Museen, Kunstvereine haben die Aufgabe, ein safe space zu sein. Für Kunst und Künstler, für vollkommen zweck- und verantwortungslose Autonomie.
Nur dann kann sie etwas bewirken. Sie darf dann gerne stören, aufregen. Darüber beschwert sich vernünftigerweise auch kein Künstler. Wer meine Sachen unausstehlich findet, kann das gerne tun. Wer mich nicht zeigen will, soll es lassen, wer meine Arbeiten nicht sehen will, geht halt irgendwo anders hin.
Ich habe nur die Möglichkeit, in der Arbeit eine Version einer Welt im Artefakt zu entäußern und zur Anschauung zur Verfügung zu stellen. Was das bewirkt, sieht man dann. Dazu habe ich manchmal eine eigene Ansicht, manchmal keine. Es ist nicht Aufgabe des Künstlers, das zu bedenken.

Die Tathandlung
2017, Acryl/Leinwand, 100 x 130 cm

Was macht Deine Kunst aus? Worum geht es in Deinem Werk – was sind die zentralen Themen?

Lesen Sie die Antwort von René Schoemakers zur Frage nach seinem Werk weiter in THE DEED | DAS WERK.

Wie schützt Du Dich in der heutigen Zeit vor zu viel Inspiration?

a) Ich wohne in Kiel. b) Ich schlafe. c) Ich erhöhe die Komplexität meiner Arbeit, um die Komplexität der Inspirationen zu reduzieren (schlecht für den Betrachter, gut für mich).
Kann es für einen Künstler „zu viel Inspiration“ geben? Künstler sind brutal selektiv in ihrer Wahrnehmung. Behaupten sie, besonders „offen“ zu sein, haben sie keine Idee von dem, was sie tun. Dann sind sie in der Tat schutzlos.

Wie viel in Deinen Arbeiten ist vorher geplant – wie viel entsteht intuitiv?

Wenn man künstlerisch arbeitet, ist dieser Gegensatz eigentlich aufgehoben. In “Regeln und Paradoxa” beschreibt Lyotard das ganz gut. Die Regeln eines Werks entstehen mit dem Werk selbst. Der Künstler kennt sie vorher nicht, kann sie im Nachgang rekonstruieren – wenn er will. Andere können das auch. Insofern ist die Frage, was “der Künstler sich gedacht hat” mehr oder minder irrelevant. Denn in der Galerie oder im Museum hängt nicht der Künstler an der Wand, sondern sein Werk. Und es gilt den Sinn des Werkes, seine Regeln als Betrachter zu rekonstruieren.
Das Äquivalent dazu findet sich im künstlerischen Prozess.

Genius/Loki Supervenience Baby! (You are here:•)
2020, Acryl/Leinwand, div. Materialien, ca. 100 x 80 cm
Privatsammlung Frankfurt/M

Es fängt mit einer Setzung an, also, um das banalste Beispiel zu wählen, mit einem Strich. Ab da ist
schon jeder Folgeschritt nicht mehr allein von einer vorgängigen künstlerischen Intuition abhängig, sondern primär von dem, was man vor sich sieht. Das Werk hat in seiner Gestalt immer recht.
Ein beschissenes Bild bleibt ein beschissenes Bild, auch wenn ich noch so eine tolle Idee hatte.
Ich muss die entstehenden Regeln des Werkes lesen, befolgen und entwickeln.
Deshalb besteht die Arbeit manchmal darin, einfach eine Stunde das Bild anzustarren und herauszufinden, wohin es will.

Was sind Deine (nächsten) Ziele?

Ich arbeite an der aktuellen Werkgruppe Genius Loki weiter, die bestimmte Aspekte der letzten Serie deinos|mashup weiterführt. Ich beziehe mich dabei u.a. auf meine Herkunft aus Kleve am Niederrhein. Da vereinen sich dann private Motive mit mittelalterlicher Kunst und Joseph Beuys. Zu den Zweck habe ich zuletzt auch eine kleine Skulptur von Dries Holthuys lebensgroß mit Pappe nachgebaut.
Aus dem Motiv entstehen z.B. mehrere Bilder, denke ich.

Wie stehst Du zum Thema Glauben? Hast Du Glaubensgrundsätze oder gibt es einen Leitspruch?

Glauben? Ich glaube daran, dass Menschen anderen Menschen das Leben nicht zur Hölle machen sollten. Keiner hat sich um seine Existenz und ihre Randbedingungen beworben. Jeder ist ein endliches und verletzliches Wesen und hat nur – wenn es gut läuft – sieben oder acht Jahrzehnte. Wenn man sich schon nicht lieben will, sollte man sich wenigstens einfach in Ruhe lassen. Dem Wind lauschen.
Leitspruch 1: Du musst deine Prinzipien beherrschen, nicht deine Prinzipien dich.
Leitspruch 2: Mir doch egal.

DEEDS WORLD - Rene Schoemakers - parousia-plakat-min

parousia, Plakataktion Kiel, 2014
Über Nacht von Unbekannten beschmiert

Welches Projekt würdest Du gerne noch realisieren, wenn fehlende Zeit, mangelnder Mut oder finanzielle Ressourcen keine Rolle spielen würden?

Alle.

Was sind aus Deiner Sicht Attribute für gute Kunst?

Ein gutes Kunstwerk ist individuell. Wenn ich das Gefühl habe, dass dieses Werk nur in diesem Kontext von dieser Person kommen kann. Ein gutes Zeichen ist auch, wenn ein Werk sich in der Vorstellung des Betrachters festsetzt, einnistet. Wenn die Wahrnehmung des Betrachters auf irgendeine Weise affiziert und modifiziert wird.
Das machen gute Bücher, gute Musik und gute Bilder eben auch. Im Grunde genommen eine naheliegende und sehr klassische Antwort.

Wird man als Künstler:in geboren? Oder ist ein Kunststudium aus Deiner Sicht Pflicht?

Pflicht? Sollte man nicht wenigstens die Wahl haben: Kunststudium oder Bundeswehr? Malen oder Panzer fahren? An der Kunsthochschule sind viele sehr damit beschäftigt, Künstler zu sein, so dass sie nicht dazu kommen, Kunst zu produzieren.

DEEDS WORLD - Rene Schoemakers - weltgeist-karl oskar gallery 2021-min

Weltgeist/Ortsgeist, Karl Oskar Gallery
Berlin, Juni 2021

Andere scheitern schon daran, dass sie glauben, Kunst sei ein „interessanter Beruf“. Ornithologe oder Urologe sind interessante Berufe.
Als Künstler:in geboren? Mmh. Man sollte Eitelkeit, Größenwahn und Ignoranz mitbringen. Uiih, das klingt toxisch… Wie auch immer, das sind die Grundvoraussetzungen. Die sind angeboren und/oder ansozialisiert. Der entscheidende Faktor ist am Ende die Intensität des Arbeitens. Meine Erfahrung
während des Kunststudiums war: viele sind schlicht zu faul für die Kunst. Obwohl sie immer irgendetwas gemacht haben. Nur nicht Kunst. Dafür wird sicher auch heute dort noch viel über Kunst geredet, die man machen könnte, vielleicht mal machen wird. Das Kunststudium öffnet einen großen Freiraum. Viele kommen darin um.

Wem zeigst Du ein neues Werk zuerst?

Da in aller Regel meine Frau früh in den Arbeitsprozess einbezogen ist, sieht sie Neues zuerst. Aber eigentlich auch der Rest der Familie. Mein Atelier funktioniert wie eine Küche, nur ohne Herd. Vielleicht liegt es an der heimeligen ateliertypischen Unordnung.

Wie sieht die erste Stunde Deines Tages aus?

Kaffee. Schlamm (siehe oben). Zeitung. Meistens.

DEEDS WORLD - Rene Schoemakers - balzerprojects-min

Paradigms Tossed, balzer projects
Basel, 2015

Sind im Zeitalter des Internets der Dinge Galerien noch notwendig? Wenn ja, warum und wofür?

Wenn Galerien gut arbeiten, sind sie immer noch eine wesentliche Unterstützung für die künstlerische Arbeit. Sie bietet den Raum, neue Arbeiten zu präsentieren, sie vermittelt die Arbeiten, sie schafft und betreut Kontakte.
Das alles selbst zu machen, kostet Zeit, die für die eigene Arbeit sonst fehlt.
Als Künstler mit oder ohne Galerie wird man auch anders wahrgenommen. Ob das berechtigt ist, ist eine andere Frage. Es ist ein Fakt.

Social-Media – aus Deiner Sicht Segen oder Fluch?

Das Märchen von der steilen Künstlerkarriere über Instagram glaubt keiner ernsthaft.
Es gibt Einzelfälle, wo die Kunst dann auch instagrammable ist. Kein Qualitätssiegel unbedingt.
Social Media sind nie klüger als ihre Nutzer. Ich kann sie klug nutzen, um zu sehen, was sich tut. Mehr nicht. 99,9% der Inhalte sind banal und nichtssagend. Für mich eher ein technischer Kanal, um Kontakt zu halten, die auch analog kontakt zu meiner Arbeit haben. Qualifizierte Follower.

EPILOG | AKTUELLES

Die umfangreiche institutionelle Einzelausstellung Weltgeist von René Schoemakers ist vom 19. August 2021 bis 9. Januar 2022 im Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Hansastraße 3, 44137 Dortmund zu sehen (Eröffnung: 19.08.2021). Mit der Berliner Karl Oskar Gallery zeigt René Schoemakers vom 9. September bis 12. September 2021 neue Arbeiten auf der Kunstmesse POSITIONS Berlin Art Fair im Flughafen Tempelhof.

www.schoemakers-info.de

www.facebook.com/rene.schoemakers

www.instagram.com/reneschoemakers


In Zeiten von Corona, in denen Reisen, Atelierbesuche und persönliche Kontakte unangebracht oder sogar unmöglich sind, bleibt das schriftliche Interview ein wichtiges Medium, um Künstlerpersönlichkeiten vorzustellen, um ihre Botschaften zu verbreiten und um mit Kunstliebhabern in Kontakt zu bleiben. Die Interviews werden von der Redaktion nicht redigiert oder gekürzt und stets im O-Ton wiedergegeben. Daher nehmen wir auch keine Übersetzung des Interviews in Englische bzw. Deutsche vor, es sei den, diese wird seitens des/der Interviewten eingereicht.

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