BERLINER VERHÄLTNISSE – Leben mit Kunst: Stephan Balzer & Manfred P. Herrmann

So wie laut Joseph Beuys in jedem Menschen ein Künstler steckt, so steckt auch in jedem Menschen ein Sammler. Es liegt uns wohl in den Genen, dass wir uns mit Dingen umgeben, die uns Sicherheit und Beständigkeit vermitteln, unser Umfeld verschönern oder aufwerten, die einen bestimmten Zweck erfüllen – oder auch nicht, uns an etwas erinnern oder denken lassen, unsere Phantasie anregen oder uns inspirieren, oder uns einfach nur gefallen. Meistens ist das, was wir sammeln, nicht Kunst. Wenngleich Kunst wohl zum Besten gehört, was man sammeln kann. Denn es sprechen viele gute Gründe für das Leben mit Kunst. Und man muss kein klassischer Kunstsammler werden, um die positiven Effekte des Zusammenlebens mit Kunst zu erfahren, zu genießen und davon emotional zu profitieren.

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Stephan Balzer, Foto: André Remark

Wenn Sie die Wahl hätten, wo würden Sie lieber einen Abend verbringen: In einem Restaurant mit Plastikblumen und elektrischen Teelichtern auf dem Tisch und Kunstdrucken an der Wand, oder in einem Restaurant mit frischen Blumensträußen, Kerzen und originären Kunstwerken? Naturgemäß fühlen wir uns vom Echten und Wertigen mehr angesprochen als von beliebiger Massenware. Nur das Echte verschafft uns das Wohlgefühl der Verbundenheit mit dem Leben. Warum aber entscheiden sich dann so wenige Menschen für den Erwerb von Kunst, ob Gegenwartskunst oder Kunst der Moderne? Denn Kunst muss weder zwingend teuer noch elitär sein. Wir haben zwei Berliner interviewt, die sich mit Kunst umgeben und die Kunst in ihrem Leben nicht mehr missen möchten, und sie nach ihren persönlichen Motiven befragt. Beide halten der Gegenwartskunst seit Jahrzehnten sie Treue. Wir möchten Ihnen ihre Motive, ihre Leidenschaft und die Sinnhaftigkeit näherbringen, welche die Beschäftigung mit zeitgenössischer Kunst und deren Erwerb in sich tragen.

„MIT KUNST ZU WOHNEN BEREICHERT UNGEMEIN, WEIL ZEITGENÖSSISCHE KUNST IMMER WIEDER FRAGEN AUFWIRFT.”

Manfred P. Herrmann, Steuerberater + Kunstliebhaber, 2021

Kunst strahlt nicht nur den Reiz aus, etwas Schönes zu besitzen. Kunst ist auch Lebensgefühl, Inspiration, Investition und Austausch. Für Stephan Balzer, geboren 1966, Berliner Unternehmer, Redner und Berater, liegt ein zentraler Grund, sich mit Kunst zu befassen und zu umgeben, im puren Vergnügen: „Es hat viel mit Lust zu tun, ich bin ein sehr lustbetonter Mensch, ich lebe sehr gern: Gutes Essen, Spaß, und Kunst gehört für mich auch dazu.“* Er beschreibt es als ein Gefühl, das regelrecht ansteckend ist: „Das ist der Kick für das Gehirn, den ich mir gebe, und das wird sich auch nicht verändern. Ich habe diesen schönen Kunstvirus vor Jahren bekommen, den ich auch nicht mehr loswerden will.“* Diese Aussagen traf Balzer vor nunmehr 11 Jahren und sie gelten für ihn noch heute. In seinem täglichen Erleben, mit Kunst zu wohnen, ist ihm der inhaltliche Aspekt wichtig – nicht der dekorative: „Ich bin täglich umgeben von Kunst, sowohl zu Hause als auch in unserem Büro und kann mir gar nicht vorstellen, wie es ohne wäre. Dekoration hat noch nie eine Rolle gespielt, sondern eher die Möglichkeit, einen Moment in unserer Geschichte einzufangen, also hier die Reflexion des Künstlers auf die Gesellschaft und unsere Umwelt als Zeitdokument und Interpretation.“

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Stephan Balzer und seine Frau Elena Kaplyar-Balzer, Foto: André Remark

Diesen anregenden (Gedanken-)Austausch erleben Kunstliebhaber in vielfacher Form. Sei es als innerer Dialog mit dem Werk, oder ganz direkt als Gespräch mit dem Galeristen auf einer Vernissage, mit dem Künstler beim Atelierbesuch, in der Unterhaltung mit anderen Kunstbegeisterten auf Messen oder in den eigenen vier Wänden, wenn der Besuch einen auf ein Werk anspricht. Dies bestätigt auch unser zweiter Gesprächspartner, Manfred P. Herrmann, Jahrgang 1948, Steuerberater und Partner in der Steuerkanzlei HPTP in Kreuzberg: „Mit Kunst zu wohnen bereichert ungemein, weil zeitgenössische Kunst immer wieder Fragen aufwirft. Wir haben ja nicht nur zu Hause sehr viel Kunst, sondern auch in der Kanzlei. Es ist besonders interessant zu sehen, wie die Mitarbeiter darauf reagieren, und auch die Gäste in der Kanzlei – oder auch zu Hause. Das führt immer wieder zu Gesprächen, die man sonst nicht führen würde.“

“KUNST MUSS INKLUSIV SEIN UND ALLEN TEILEN DER GESELLSCHAFT ZUGÄNGLICH.”

Stephan Balzer, Unternehmer + Kunstliebhaber, 2021

Wenn das Leben mit Kunst so anregend ist, warum interessieren sich dann nur maximal 7,23 % der Deutschen intensiver dafür? (Quelle: statista.com, Interesse der Bevölkerung in Deutschland an der Kunst- und Kulturszene, 2020) Es mag wohl an dem hartnäckigen Vorurteil liegen, Kunst sei elitär und nur etwas für Intellektuelle oder die High Society. Woher gründet diese Auffassung und wie ist das Missverständnis aufzuklären? „Ich würde dieser These entgegen setzen, dass sie es nicht sein sollte, denn in Teilen entspricht dies heute ja der Realität“, sagt Stephan Balzer. „Kunst muss inklusiv sein und allen Teilen der Gesellschaft zugänglich. Ich glaube wir sprechen hier von einem kulturellen Phänomen, dass sich über viele Jahre herausgebildet hat, es hat interessierten Menschen den vermeintlichen Zugang zu diesen intellektuellen und High Society Kreisen über die Kunst versprochen.“ Weiter führt er aus: „Ich denke wir haben nach wie vor Schwellenängste in der breiten Bevölkerung, wenn es darum geht, sich mit dem Thema zeitgenössische Kunst und Galerien auseinander zu setzen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob der Markt beziehungsweise die Galerien die Aufgabe haben sollten, zugänglicher zu werden. Meiner Meinung nach sollten es eher die Museen sein, die Kunsthallen, weil dort viel mehr Potenzial steckt. Ich finde im Vergleich zu einigen anderen Ländern die Angebote vieler Museen in Deutschland zu eng gefasst und in Teilen sogar elitär. Ich hoffe, dass sich da etwas bewegt, wenn die nächste Generation an Museumsmachern an das Ruder kommt. Ich denke auch hier gilt: a change is gonna come.“

„KUNST IST VON MENSCHEN FÜR MENSCHEN GEMACHT. SELBSTREDEND ERSCHLIESST SICH AUCH DIESER BEREICH MENSCHLICHER KULTURLEISTUNG NICHT IN GÄNZE VON SELBST UND MUSS SICH ERARBEITET  WERDEN. ABER DAS IST BEI Z.B. DEM REGELWERK IM FUSSBALL NICHT ANDERS.”

Guido W. Baudach, Galerist, 2021

Für Manfred P. Herrmann liegt der Schlüssel in der Einstellung gegenüber der Kunst, und nicht in der Größe des individuellen Budgets: „Es ist eine Frage des Interesses, mit Kunst kann man sich auch beschäftigen, ohne Geld auszugeben, man muss nur die Museen und Galerien besuchen … Und es gibt auch gute Kunst, die wenig kostet. Allerdings muss man sich mit Kunst auseinandersetzen, das erfordert Zeit und Interesse.“ Doch was tun, wenn Zeit und Interesse vorhanden sind, aber man nicht so recht weiß, wo anfangen? „Eintreten in einen guten Förderverein für zeitgenössische Kunst, z.B. Stoberkreis Nationalgalerie, KW, Berlinische Galerie usw.“, rät Herrmann. „Dort lernt man sehr viel über zeitgenössische Kunst. Dann sollte man junge Galerien besuchen mit Galeristen, die in etwa in dem gleichen Alter sind, wie der junge Kunstkäufer.“ Stephan Balzer empfiehlt jungen Kunstinteressierten, viel Zeit in Galerien und Museen zu verbringen, viel zu sehen und darüber sich selbst und auch seine eigene Präferenz zu entdecken.

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Manfred P. Herrmann während eines Kunstevents, 2013, Foto: Privat

Neben allem emotionalen Mehrwert kann Kunst aber auch bekanntermaßen ein interessantes Investitionsobjekt darstellen. Dazu die Experteneinschätzung von Manfred P. Herrmann:  „Wenn man gut kauft, kann man sein Geld mit Sicherheit sehr gut anlegen. Es wird aber auch immer Fälle geben, wo man ein bisschen danebenliegt, deswegen sollte Wertanlage nie das alleinige Motiv für das Sammeln sein. Allerdings kann einem das mit Immobilien oder Aktien genauso passieren. Es legitim, Kunst als Wert zu sehen, weil man auch viel Geld dafür ausgibt. Es geht nicht nur darum, etwas Schönes an der Wand zu haben, sondern auch darum die Werte zu erhalten. Man muss (…) sich gut beraten lassen.“* Stephan Balzers Schlussworte stimmen uns aktiv: „Ich kann das nur jedem empfehlen, der noch nicht so viel Kunst gesehen hat: Fangen Sie damit an, das macht extrem Spaß. Menschen, die nur ein kleines Budget haben, können zeitgenössische Kunst sammeln von Künstlern, die um uns sind, die mit ihren Arbeiten unser Leben bereichern.“*

Die Interviews mit Stephan Balzer und Manfred P. Herrmann in voller Länge.

Vorwort & Textbearbeitung: Stephanie Schneider

*Alle so gekennzeichneten Zitate aus: KUNST Magazin Sammlergespräche, geführt von Jan Kage (2010), Hg.: Jennifer Becker & Stefan Haupt, Offizin Zürich Verlag, 2013

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