THE INTERVIEW IN|DEEDS: Tamina Amadyar

Prolog

Tamina, denken wir uns an den Ort, wo wir dieses Interview führen. Wir würden uns in Deinem Studio treffen. Bitte beschreibe Lage und Atmosphäre. Mein Studio befindet sich in Berlin-Kreuzberg, zwischen SO36, einer kleinen Moschee, einer Verchromungs-Fabrik und anderen Künstlerateliers. Das alte Gebäude und der Hinterhof lassen mit ihrem roten Backstein, Glasbausteinfensterm und schweren Stahltüren erahnen, wie die Stimmung des Arbeiterviertels im letzten Jahrhundert gewesen sein muss. Mein Studio in der 4. Etage, es sind 92 hohe Stufen zu meinem Atelier,  ist meistens relativ aufgeräumt und gut organisiert. Vielleicht sitzen wir an Deinem Lieblingsplatz. Wir sitzen auf einer schwarzen Ledercouch, die am Ende des Raumes steht und von der aus man den ganzen Raum und die Bilder gut sehen kann. Durch die Glasbausteine fällt natürliches Licht ins Atelier. Woher kommst Du, wo bist Du wann geboren? Ich bin 1989 in Kabul, Afghanistan, geboren, im Alter von fünf Jahren mit meiner Familie nach Deutschland geflohen und in Nordrhein-Westfahlen aufgewachsen. Wo lebst und arbeitest Du derzeit? Ich lebe und arbeite in Berlin. Welche Stationen und Menschen haben Dich geprägt? Mein Kunststudium an der Kunstakademie Düsseldorf und Menschen, die ich dort traf. Wichtig waren auch Reisen nach Afghanistan und in die USA. Welche Schriftsteller*innen und Bücher finden sich in Deinem Bücherregal? Welche Bücher haben Dich beeinflusst oder geprägt? Im Studio ist mein Regal mit Kunstbüchern und philosophischen Werken, dort auf dem Zeichenschrank liegt gerade Gilles Deleuze über „Francis Bacon: Logik der Sensation“. Was liest Du aktuell und wo liegt das Buch griffbereit? Zuhause im Regal ist Verschiedenes, keine bestimmte Richtung und griffbereit ist meistens ein hoher Stapel neben dem Bett. Im Urlaub habe ich gerade James Baldwin’s „Von dieser Welt“ gelesen. Prägend fand ich u.a. Marguerite Duras, Virginia Woolf , Max Frisch, und verschiedene andere europäische und amerikanische Autorinnen der Moderne und Nachkriegszeit, die die großen Themen Sehnsucht und Erinnerung behandeln. Welche Musik hörst Du und wann? Ich höre überwiegend Hiphop, damit bin ich aufgewachsen; aber Soul, Funk und alles, was so ab Jazz und Blues kam – elektronisches und gitarrenlastiges – sind mit den Jahren dazugekommen. Musik höre ich meistens im Studio, weil ich dort laut aufdrehen kann und genug Platz habe zum Tanzen oder einfach auf der Couch liege und ein Album durchhöre. Wenn Du etwas für uns kochen würdest, was wäre es? Was isst Du am liebsten? Ich esse sehr gerne und vieles Verschiedenes am liebsten! Wenn wir Gäste empfangen, koche ich gerne afghanisch, weil die wenigsten die Küche kennen und sie wirklich sehr, sehr gut und facettenreich ist. Eine besondere Spezialität ist Aashak: eine Art Dumplings mit Lauchfüllung von Tomatensauce bedeckt und mit Minz-Joghurt getoppt. Was hältst Du vom Frühstücken? Beim Frühstücken bin ich sehr deutsch: ich muss auf jeden Fall reichlich und herzhaft frühstücken, belegte Brötchen und gerne ein Ei. Welchen Sport oder Ausgleich betreibst Du? Yoga, Fahrradfahren und ausgiebiges Spazierengehen. Hast Du besondere Leidenschaften, für die Du brennst? Musik, Fernsehen, Essen, Trinken.

DEEDS WORLD - portrait Tamina Amadyar - Foto Galerie Guido W Baudach

Portrait Tamina Amadyar, Courtesy of Galerie Guido W. Baudach

Interview

Zu Beginn erzähle uns bitte in ein paar Sätzen Ihre künstlerische Vita.

Ich habe von 2008 bis 2014 an der Kunstakademie Düsseldorf, bei Tal R, studiert und bin anschließend nach Köln gezogen. Kurz nach dem Studium entstand der Kontakt zum Galeristen Guido W. Baudach und nach einer dreimonatigen Residency in Los Angeles zog ich nach Berlin. Seitdem lebe und arbeite ich hier.

Zwei Sätze zu Deinem aktuellen Projekt bzw. der kommenden Ausstellung zum Gallery Weekend.

Die Ausstellung bringt ganz gut auf den Punkt, woran ich die letzten Jahre gearbeitet habe: einen Raum zu schaffen, indem sich Farbe wie Licht ausdehnt und pulsiert und den Betrachter einlädt, mit allen Sinnen darin abzutauchen.

Worüber machst Du Dir zurzeit am meisten Gedanken; was beschäftigt Dich?

Die wahnsinnige Lage weltweit und ob der Teufelskreis von Wut, Zerstörung und Trauma die Menschheit in Zukunft immer weiter ins Verderben stürzen wird.

Wie bist Du zur Kunst gekommen? Warum Kunst?

Ich habe als Teenagerin angefangen zu zeichnen, weil mir langweilig war, zuerst im Unterricht, dann zuhause und es wurde wie eine kleine Obsession, Sachen mit meinen Händen zu machen, zu malen, basteln, bauen, nähen (eigentlich wollte ich Mode-Designerin werden). Dann fand ich heraus, dass ich mich an der Kunstakademie bewerben und beruflich alles tun und lassen kann, was mir in den Sinn kommt, ganz ohne Zweck. Die absolute Freiheit!

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Tamina Amadyar, 2020

Was macht Dich aktuell glücklich? Was macht Dir aktuell Angst?

Die Erkenntnis, dass nichts so bleiben muss, wie es ist und dass sich die Welt von heute auf morgen in unvorstellbarer Weise ändern kann. Das macht mich sowohl glücklich als auch besorgt.

Glaubst Du, dass Kunst eine gesellschaftliche Verantwortung trägt? Und was denkst Du, was sie bewirken kann?

Ich glaube, Kunst muss vor allem frei und ehrlich sein, d.h. wenn mich gesellschaftliche Themen als Künstlerin ernsthaft beschäftigen, werden sie zwangsläufig in die Arbeit einfließen. Man muss hier allerdings zwischen Kunst und Aktivismus unterscheiden. Wurde die Arbeit erstellt, um die Welt zu verbessern, ein Statement rauszuhauen oder hat die Künstlerin eigene Fragen und Beobachtungen verarbeitet? Zudem bleibt natürlich die Frage, ob das in der Kunstwelt bleibt oder darüber hinaus etwas bewegt. Oft habe ich bei gesellschaftspolitischer Kunst das Gefühl: you’re preaching to the choir – und sobald Kunst etwas wird, was nicht jede/r, unabhängig von ihrer/seiner Sprache oder intellektuellem Background, erfahren kann, wird sie etwas sehr theoretisches, wissenschaftliches. Die bildende Kunstwelt ist leider im Jahr 2020 immer noch eine elitäre Blase, in der der Großteil des Publikums ohnehin ähnliche Werte und den Bildungshintergrund teilt. Ich finde Kunst interessant, die sich auf humorvolle oder ironische Weise Themen nährt, um die Absurdität gesellschaftlichen Lebens darzustellen, wie es z.B. Christoph Schlingensief tat. Was mir allerdings nicht reicht, ist, wenn ein Künstler mit einer überteuerten Banane auf der Kunstmesse meint, ebendiese Kunstwelt zu hinterfragen und ihre Mechanismen ironisch zu durchleuchten, da fehlt es irgendwie an Tiefe.. Es klingt wie eine Plattitüde, aber Kunst sollte etwas mehr „bewegen“, also zu mindest innerlich etwas rühren. Was Kunst in jedem Fall bewirken kann, ist es, die Perspektive zu wechseln und die Dinge in ein neues Licht rücken. Dies kann eine sinnliche oder transzendentale Erfahrung sein oder eine grundlegende Erkenntnis, weil eine Arbeit im Betrachter plötzlich ganz neue Fragen aufwirft.

Was macht Deine Kunst aus? Worum geht es in Deinen Werken – was sind die zentralen Themen?

Zentral auf den ersten Blick sind natürlich die Farben bei mir, Farbe steht für mich vor allem für Licht, eine bestimmte Stimmung, Tageszeit oder einen Ort/Szenerie. Dabei geht es darum, was ich sehe, erlebe und erfahre – also auch um die eigene Perspektive darzustellen – in diese Bildsprache zu übersetzen und unmittelbar, einen Bezug zum Betrachter herzustellen. Es ist persönlich, aber die Sprache ist substanziell, elementar und universell. Letztendlich geht es auch darum, darüber zu kommunizieren, Ich schaffe einen Raum oder eine Landschaft und stellen ihn zu Verfügung.

Wie schützt Du Dich in der heutigen Zeit vor zu viel Inspiration?

Ich verbringe die meiste Zeit alleine in meinem Studio.

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Artist Studio Tamina Amadyar

Wie viel in Deinen Arbeiten ist vorher geplant – wie viel entsteht intuitiv?

Mal so, mal so.

Was soll Deine Kunst beim Betrachter bewirken?

Mein Wunsch ist es, Kunst zu machen, die eine sinnliche Erfahrung ist. Im Idealfall einen Nerv zu treffen, der eine transzendentale Erfahrung auslöst. Haha, das klingt sehr hochgegriffen. Einfach gesprochen: Man kann es mit einem Naturerlebnis vergleichen, meine Bilder sollen wie Bühnenbilder eine Tiefe suggerieren, in die der Betrachter den Raum dafür findet und sich darin verlieren kann.

Was sind Deine (nächsten) Ziele?

Nach dem Gallery Weekend steht mir noch ein Semester als Vertretungsprofessorin an der Kunstakademie Karlsruhe bevor, darüberhinaus schöne Sachen im Studio machen.

Wie stehst Du zum Thema Glauben? Hast Du Glaubensgrundsätze oder gibt es einen Leitspruch?

Ich glaube, dass der Ursprung allen Seins unsere Vorstellungs- und Sinneskraft vermutlich übersteigt und wir im Prinzip gar keine Ahnung haben, was die Welt wirklich ist.

DEEDS WORLD - Studio view Tamina Amadyar - Galerie Guido W Baudach_1

Artist Studio Tamina Amadyar

Welches Projekt würdest Du gerne noch realisieren, wenn fehlende Zeit, mangelnder Mut oder finanzielle Ressourcen keine Rolle spielen würden?

Ich habe eine lange Liste, auf der ich mir alles mögliche notiere, und bin zuversichtlich, dass alles zu seiner Zeit stattfinden kann. In dem Fall ist es besser, vorher nicht drüber zu reden.

Was sind aus Deiner Sicht Attribute für gute Kunst?

Frei, ehrlich, unheimlich, humorvoll.

Wird man als Künstler*in geboren? Oder ist ein Kunststudium aus Ihrer Sicht Pflicht?

Weder noch, allerdings empfehle ich jedem ein Kunststudium, weil es eine einmalige Gelegenheit ist, andere junge Künstlerinnen kennenzulernen, sich auszutauschen und eine gute Zeit zusammen zu haben.

Wem zeigst Du ein neues Werk zuerst?

Meinem Mann.

Wie sieht die erste Stunde Deines Tages aus?

Frühstücken und Radio / Podcast hören.

Sind im Zeitalter des Internets der Dinge Galerien aus Deiner Sicht noch notwendig? Wenn ja, warum und wofür?

Ja. Weil Kunst sinnlich erfahren und persönlich betrachtet und kommuniziert werden muss.

Social-Media – aus Deiner Sicht Segen oder Fluch?

Etwas, womit die Menschen noch lernen müssen, umzugehen.

Epilog

Die Ausstellung out of the blue mit neuen Werken von Tamina Amadyar ist vom 12. September bis 31. Oktober 2020 in der Galerie Guido W. Baudach, Pohlstraße 67, 10785 Berlin-Tiergarten zu sehen. Die Galerie nimmt am Gallery Weekend teil (12. + 13.09.2020).

Instagram: tamina__amadyar


In Zeiten von Corona, in denen Reisen, Atelierbesuche und persönliche Kontakte unangebracht oder sogar unmöglich sind, bleibt das schriftliche Interview ein wichtiges Medium, um Künstlerpersönlichkeiten vorzustellen, um ihre Botschaften zu verbreiten und um mit Kunstliebhabern in Kontakt zu bleiben.

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