THE INTERVIEW IN|DEEDS: Victoria Rosenman

PROLOG | PERSÖNLICHES

Victoria, wir führen dieses Interview schriftlich, aber stellen uns vor, dass wir uns gegenübersitzen. Wo sprechen wir zusammen – in Deinem Zuhause oder in Deinem Atelier? Wo treffen wir Dich? Ich arbeite am liebsten an unterschiedlichen Orten. Geschlossenen Atelierräumlichkeiten engen meinen Gedankenprozess und Arbeitsweise eher ein, deswegen bevorzuge ich einen ständig wechselnden Ort, an dem ich neuen Menschen bzw. Interessenten meiner Kunst begegne. Es müsste eine Atmosphäre sein, in der mich viele kontrastreiche Energien umgeben, so fühle ich mich weniger beobachtet und mehr geborgen. Irgendwo unter Menschen, oder draußen am Wasser, oder von ( architektonischen ) Kunstwerken umgeben wäre für eine Unterhaltung sehr produktiv. Vielleicht sitzen wir an Deinem Lieblingsplatz? In St. Petersburg an der Newa, in der Dämmerung. Woher kommst Du, wo bist Du wann geboren? Ich bin 1986 in Pskow in Russland geboren und meine Eltern sind dann sofort nach meiner Geburt nach Sankt-Petersburg gezogen, wo ich dann aufwuchs, bis ich zwölf war. Wo lebst und arbeitest Du derzeit? Ich lebe und arbeite hauptsächlich in Berlin. Es gibt immer kleine und grosse Zwischenstopps und Aufenthalte, die aber Berlin für mich noch liebenswerter machen.

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Victoria Rosenman, 2021, Foto: Dusia Sobol

Welche Stationen und Menschen haben Dich geprägt? Ich würde „Prägen“ durch das „Inspirieren“ ersetzen. Durch das viele Reisen hat sich meine kosmopolitische Natur sehr intensiviert, sodass ich mich anpassen und auch in vielen Situationen wohl fühlen kann. Was mich aber immer wieder beeindruckt sind unvoreingenommene Menschen, die eine am Anfang unerklärliche Gastfreundschaft und Herzlichkeit offenbaren, die mit einer unerschütterlichen Unbeschwertheit durchs Leben gehen, so wie auch meine Grossmutter es gewesen ist. Solche Privatpersonen treffe ich selten, aber diese Menschen, unterschiedlichen Alters gehören auch zu meinem Freundeskreis. Geprägt hat mich die Schule in Deutschland – grausam und traumatisch. Das Kunststudium in der Schweiz war auch sehr ambivalent für meine Gefühlslage. Welche Schriftsteller:innen findest Du derzeit spannend und welche Bücher finden sich in Deinem Bücherregal? Gerade finde ich Christian Kracht sehr spannend. Ich bin ein grosser Fan russischer Klassiker, daher finden sich natürlich alle Werke Dostojewski’s, Tschechow’s, Bulgakov’s in meinem Bücherregal. Ich liebe aber auch die Gedanken von Oscar Wild, die Beschreibungen von Max Frisch, die Phantasien von Haruki Murakami – das sind die Bücher die ich gerade vor mir sehe.

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Victoria Rosenman, 2021, Foto: Dusia Sobol

Welche Bücher haben Dich beeinflusst oder geprägt? „15 Jahre mit Salvador Dali“ von Amanda Lear. „Das Tagebuch eines Drogenabhängigen“ von Aleister Crowley, „Extravagante Gedanken“ von Oscar Wild. Was liest Du aktuell und wo liegt das Buch griffbereit? Es liegt gerade Edgar Allan Poe auf meinem Messing-Beistelltisch, den ich am Arkonaplatz ergattert habe ( den Tisch!). Ich glaube ich schaffe es nicht das Buch weiterzulesen – es langweilt mich. Die Sprache ist aber schön. Welche Musik hörst Du und wann? Überall. Irgendwas. Verschiedener Zeiten, verschiedene Stile und Sprachen. Wenn Du etwas für uns kochen würdest, was wäre es? Orecchiette mit Salsiccia in Rotweinsoße oder „Dolma“ (mit Hackfleischfüllung aber). Sie sollten kein/e Vegetarier/in sein. Was isst Du am liebsten? Fleisch, Fisch, Meeresfrüchte. Trüffel. Was hältst Du vom Frühstücken? Ich liebes es – lange und ausgiebig. Welchen Sport oder Ausgleich zu Deiner Arbeit betreiben Sie? Ich treffe Menschen und suche Kontraste im Alltag. Haben Sie besondere Leidenschaften (Hobbies), für die Sie brennen, und wenn ja welche? Katzen, Reisen, Antiquitäten. Welches Persönlichkeitsmerkmal macht Sie aus? Ich kümmere mich gern. Ich verehre alles Ästhetische, bin von Absurditäten fasziniert und geniesse gern.

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Victoria Rosenman, 2021, Foto: Dusia Sobol

INTERVIEW | KÜNSTLERIN + POSITION

Zu Beginn erzähle uns bitte in ein paar Sätzen Deine künstlerische Vita.

Unmittelbar nach dem Studienabschluss in Basel auf der Akademie für Kunst und Gestaltung, zog ich nach Berlin. 2013 zeigte ich zum ersten Mal mein langjähriges Projekt „Vom Vernichten einer Muse“, indem ich echte Menschen gegenüber ihrer Fotografischen Abbildungen ( meinen Künstlerischen Visionen ) ausstellte. 2015 habe ich ein Stipendium in München gewonnen und entwickelte das weiter, indem ich es mit Manifesten und weiteren Medien vervollständigte.

Jedes Jahr zeige ich durch diverse Ausstellungen und Kooperationen ( Auktionen, Kuration etc.) an unterschiedlichen Orten, neue Einblicke in mein Schaffen.

Erläutere uns kurz Dein aktuelles Projekt bzw. die kommende Ausstellung.

Die kommende Ausstellung ist ein komplett neues Konzept, das zum ersten Mal in der HAZEGALLERY in Berlin gezeigt wird. Ich habe das Glück, dass die Inhaberin der Galerie und Kuratorin Irina Rusinovich meine Visionen schätzt und junge aufstrebende Künstler (oft mit einem osteuropäischen Hintergrund ) in ihrem Schaffen unterstützt.

Dieses Mal geht es nicht mehr um die Muse, als Inspiration aus Fleisch und Blut – oder das Erforschen von zwischenmenschlichen Beziehungen. Der Titel „Konzept für Milderungen“ involviert schon in die aktuelle Idee. Wenn man für das Wort Milderung ein Synonym sucht kommen Begriffe, wie „Linderung“, „Erleichterung“, „Entschärfung“ oder „Ermunterung“ auf. Ich entwickele dieses Mal ( utopische ) Lösungen, Ratschläge, Beispiele und Aufforderungen in Form von Abbildungen, Objekten und Texten, die unser menschliches Dasein im guten Sinne „herunterspielen“ bzw. angenehmer gestalten. Ich bin dieses Mal der verrückter Doktor, der eine Medizin herstellt und präsentiert, die magisch ist, wenn man sie „akzeptiert“ und daran glaubt.

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Werk aus der Ausstellung Concepts for Mitigations, HazeGallery, März 2022

Worüber machst Du Dir zurzeit am meisten Gedanken; was beschäftigt Dich?

Meine Zeit.

Wie bist Du zur Kunst gekommen? Warum Kunst?

Als Kind habe ich viele aussergewöhnliche, schöne Tagträume und oft grässliche Nachtträume gehabt – ich musste das in Etwas meist Greifbares umwandeln. Ich denke Kunst ist sakral, unsterblich und omnipräsent  – ich schöpfe Energie und grösste Glückseligkeit daraus.

Was macht Dich aktuell glücklich?

Meine Visionen und Menschen um mich herum.

Was macht Dir aktuell Angst?

Eigene Gedanken. Steifheit. Politik.

Glaubst Du, dass Kunst eine gesellschaftliche Verantwortung trägt? Und was denkst Du, was sie bewirken kann?

Kunst kann alles Mögliche bewirken, wenn man sich ihr ausliefert oder zu ihr Zugang findet, aber sie trägt gar keine Verantwortung, da es eine eigenständige und unbezwingliche „Naturgewalt“ ist, in die wir eigene Wünsche hineinprojizieren. Der Ursprung ist von Aussagen befreit.

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Victoria Rosenman, Studio

Was macht Deine Kunst aus? Worum geht es in Deinem Werk – was sind die zentralen Themen?

Ich erforsche die Angst, da ich denke, dass dieses Phänomen uns sehr nahe der eigenen Authentizität bringen kann. Die unterschiedlichen Wahrheiten sind für mich spannend. Der Prozess meiner Kunst ist wertvoller, als das Endergebnis. Meine Kunst  ist multimedial und immateriell und sie benötigt Menschen, als Inspiration und Instrumente.

Lesen Sie die Antwort von Victoria Rosenman zu Ihrem Werk weiter in THE DEED | DAS WERK

Wie schützen Du Dich in der heutigen Zeit vor zu viel Inspiration?

Ich wünschte, ich hätte mehr von Inspiration.

Wie viel in Deinen Arbeiten ist vorher geplant – wie viel entsteht intuitiv?

Ich plane sehr akribisch, aber am Ende passiert doch etwas Unerwartetes.

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Victoria Rosenman, 2021, Foto: Dusia Sobol

Was sind Deine (nächsten) Ziele?

Mehr Mut.  

Wie stehst Du zum Thema Glauben? Hast Du Glaubensgrundsätze oder gibt es einen Leitspruch?

Welches Projekt würdest Du gerne noch realisieren, wenn fehlende Zeit, mangelnder Mut oder finanzielle Ressourcen keine Rolle spielen würden?

Eigene Kunstsammlung.

Was sind aus Deiner Sicht Attribute für gute Kunst?

Ein längerer Gedankenprozess wird beim Betrachter ausgelöst. Das Werk ist „zugänglich“ auch für „Nicht- Kunstkenner“ aber gleichzeitig ist es nicht transparent.

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Victoria Rosenman, 2021, Foto: Dusia Sobol

Wird man als Künstler:in geboren? Oder ist ein Kunststudium Pflicht?

Manche tragen es schon von Anfang an in sich, andere brauchen Hilfsmittel, um das Künstlerische hervorzurufen. Es gibt keine Pflichten.

Wem zeigst Du ein neues Werk zuerst?

Unterschiedlich.

Wie sieht die erste Stunde Deines Tages aus?

Kaffee. Himmel beobachten. Musik. Reinigungsrituale.

Sind im Zeitalter des Internets der Dinge Galerien noch notwendig? Wenn ja, warum und wofür?

Solange es keine NFT Kunst ist – ist es unabdingbar das Werk real zu erfahren, auch anzufassen und zu schmecken, wenn notwendig. Echte Begegnungen sind essentiell.

Social-Media – aus Ihrer Sicht Segen oder Fluch?

Es ist ein gutes Tool, wenn man weiss es würdig anzuwenden.

EPILOG | AKTUELLES

Die Ausstellung Concepts for Mitigations von Victoria Rosenman ist vom 11. März bis 26. März 2022 in der HazeGallery, Bülowstraße 11, 10789 Berlin-Schöneberg zu sehen. Eröffnung: 10. März 2022, 19:00 Uhr.

www.instagram.com/victoria_rosenman_artist

www.instagram.com/gemuesekabinett

www.facebook.com/victoria.rosenman

www.vicrosenman.com


In Zeiten von Corona, in denen Reisen, Atelierbesuche und persönliche Kontakte unangebracht oder sogar unmöglich sind, bleibt das schriftliche Interview ein wichtiges Medium, um Künstlerpersönlichkeiten vorzustellen, um ihre Botschaften zu verbreiten und um mit Kunstliebhabern in Kontakt zu bleiben. Die Interviews werden von der Redaktion nicht redigiert oder gekürzt und stets im O-Ton wiedergegeben. Daher nehmen wir auch keine Übersetzung des Interviews in Englische bzw. Deutsche vor, es sei den, diese wird seitens des/der Interviewten eingereicht.

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