THE INTERVIEW IN|DEEDS: Tamara Kvesitadze

Prolog

Tamara, wenn wir derzeit nicht durch die Pandemie eingeschränkt wären und zusammensitzen könnten, wo wäre das? Wo sprechen wir miteinander? Wir treffen uns in meinem Atelier. Es liegt in der Großstadt. Ein ehemaliges Industriegebäude, umgebaut in ein Atelier. Es scheint als ob hier häufig aufgeräumt wird, aber es wirkt immer noch chaotisch. Ein übervoller Raum mit einer professionellen Atmosphäre. Vielleicht sitzen wir an ihrem Lieblingsplatz. Könnten sie ihn kurz beschreiben? Der so genannte Empfangsraum. Wo sich alles befindet: Küche, Wohnzimmer, Aufenthaltsraum, Büro. Woher kommen sie, wo wurden sie geboren und wann? Aus Georgien, Tiflis. Am 15. Januar 1968. Wie und wo leben und arbeiten sie derzeit? Ich lebe in Tiflis und arbeite in einem Atelier. Welche Orte und Menschen haben sie geprägt? Ich glaube, meine Familie hat mich geprägt, aber ich wurde auch von interessanten, starken und manchmal negativen Menschen beeinflusst. Aber im Allgemeinen haben sie alle einen positiven Eindruck in meinem Gedächtnis hinterlassen. Welche Autoren und Bücher befinden sich in ihrem Bücherregal? Alle Arten von Büchern, von klassischen bis modernen Autoren. Welche Bücher haben sie beeinflusst und/oder geprägt? Ich erinnere mich an unvergessliche Eindrücke aus „Schuld und Sühne“ von F. Dostojewski, das ich las, als ich noch sehr jung war. Auch Knut Hamsun. Was lesen sie gerade? Zurzeit liegen verschiedene Bücher neben meinem Bett, über Kunst oder einfach nur gute Literatur, und ich lese sie alle von Zeit zu Zeit. Welche Musik hören sie und wann? Jede Art von Musik. Während der Arbeit im Studio hören wir Radio, und ich liebe es, wie die ganze Zeit die Genres wechseln. Wenn sie etwas für uns kochen würden, was wäre das? Es ist nicht meine Stärke, aber vielleicht würde ich ein Dessert nach Rezept meines Gourmetfreunds zubereiten. Was essen Sie am liebsten? Ich liebe alle Arten von leckerem Essen. Ich bin nicht wählerisch. Was halten sie von Frühstück? Kaffee ist mein Frühstück, und ich liebe es. Das ist der besondere Teil meines Tages. Welche Art von Sport oder Ausgleich betreiben sie? Viel laufen – das ist mein Sport. Und ich liebe es zu schwimmen. Haben sie besondere Leidenschaften, für die sie sich begeistern? Meine Leidenschaft ist die Kunst. Ich liebe es auch zu tanzen. Haben sie ein Anliegen, das sie uns mitteilen möchten, oder ein Persönlichkeitsmerkmal, das sie auszeichnet? Ich denke, als bestimmende Persönlichkeitsmerkmale würde ich Disziplin und Bescheidenheit nennen.

DEEDS WORLD - Tamara Kvesitadze - Portrait - Courtesy of Galerie Kornfeld Berlin

Tamara Kvesitadze, courtesy of Galerie Kornfeld

Interview

Schildern Sie uns bitte zunächst ihren künstlerischen Werdegang in ein paar Sätzen.
Zur Kunst bin ich durch den frühen Kontakt mit den westlichen Kunsttraditionen gekommen, als ich
klein war, da meine Eltern ständig von Künstlern und Intellektuellen umgeben waren. Ich begann
schon früh mit dem Zeichnen und Aquarellieren, später nahm ich an professionellen Kursen teil und
erhielt meinen Bachelor in Architektur von der Technischen Universität Tiflis. Ich wandte mich ein
für alle Mal von der Architektur ab, als ich Ende der 1990er Jahre begann mit Auteur-Puppen zu
arbeiten, das perfekte Medium, um die sich wandelnden Identitäten der georgischen Frauen zum
Ausdruck zu bringen. Alle Puppen aus der Vergangenheit wie auch die neueren tragen ihren eigenen Mikrokosmos in sich und eröffnen den Betrachtern, was Außenstehenden normalerweise verborgen bleibt; sie zeigen der Welt, was es bedeutet, eine Frau in einer traditionellen patriarchalischen Gesellschaft zu sein. Während ich an diesen Puppen arbeitete, zog ich für mehrere Jahre nach New York. Nachdem ich dort mehr zeitgenössischer Kunst ausgesetzt war, fügte ich meinen Werken ein Element der Bewegung hinzu und gelangte so zu meinem heutigen Medium der kinetischen Skulpturen. Seitdem arbeite ich in diesem Medium und experimentiere kontinuierlich mit Größe, Volumen und emotionalen Strömungen, die sich durch alle meine Werke ziehen. Als wichtige Meilensteine meiner künstlerischen Laufbahn würde ich die kinetische Skulptur „Man and Woman“ in Batumi, Georgien, nennen, Werke auf der Biennale in Venedig 2007 und 2011 sowie die kürzlich fertiggestellte 18,5 Meter hohe kinetische Skulptur „Sigh“ in Wuxi, China.

DEEDS WORLD - Courtesy of Galerie Kornfeld - Tamara Kvesitadze Man and Woman 2019

Tamara Kvesitadze, Man and Woman, 2019

Zwei Sätze über ihr aktuelles Projekt und die bevorstehende Ausstellung beim Gallery Weekend.
„The Passage“ ist eine Installation, die während des Berliner Gallery Weekend in der Galerie
Kornfeld gezeigt wird und die Umstände reflektiert, unter denen wir in diesem Jahr, in unserer Zeit,
weltweit leben. Es ist ein seltsames Jahr, voller Herausforderungen, das sowohl Ängste als auch das
Gefühl einer geteilten Menschlichkeit hervorruft. Deshalb glaube ich, dass die letztendliche Botschaft dieser Arbeit positiv ist, da sie auf der Kraft aufbaut, die allen Menschen innewohnt. Wir gehen durch diese „Passage“ und sie verändert uns, ohne die Essenz dessen, was wir sind, zu zerstören

Worüber sind Sie im Moment am meisten besorgt; was geht Ihnen durch den Kopf?
Im Moment mache ich mir Sorgen wegen meiner Reise zur Ausstellung nach Berlin. Ich denke über
Reisen in der Zeit von Corona nach, in der alles bizarr und ungewöhnlich ist.

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Tamara Kvesitadze, The Passage (Rendering), 2020

Wie sind Sie zur Kunst gekommen? Warum Kunst?
Kunst war schon immer ein Teil meines Lebens, solange ich mich erinnern kann. Es hat mich immer
fasziniert, Objekten, die in der Realität getrennt von mir existieren, Leben einzuhauchen und sie mit
meiner eigenen Lebenserfahrung, meinen eigenen zerbrechlichen Wahrheiten zu verbinden. Ich sehe meine Werke als Gefäße, die behutsam aus Materialien konstruiert sind und in denen meine Wahrnehmung vom Leben, vom Platz des Menschen darin, von der Identität der Frau festgehalten wird. In diesem Kontext ist es mir wichtig, alte visuelle Traditionen meines Landes mit modernen Technologien zu vereinen und diese dualistischen Schöpfungen sowohl im Westen als auch im Osten zu zeigen.

Was macht Sie im Moment glücklich? Was macht Ihnen Angst?
Mit dem Alter machen mich all die kleinen, guten und freudigen Momente glücklich. Am meisten
Angst machen mir manchmal die Menschen.

Glauben Sie, dass die Kunst eine soziale Verantwortung hat? Und was kann sie Ihrer Meinung nach bewirken?
Ja, ich glaube, dass die Kunst eine soziale Verantwortung hat, da sie ein besseres Verständnis der
Gegenwart, unserer Rolle im größeren Gefüge, innerhalb unserer Umgebung vermitteln kann. Als
Künstlerin aus Georgien, das genau zwischen Europa und Asien liegt, glaube ich, dass es meine
Verantwortung ist, diese beiden weitläufigen Weltanschauungen auf eine Weise zu synthetisieren, die für die Betrachter zugänglich, nachvollziehbar und offen ist.

Kunst kann einen in eine andere Dimension versetzen, in ein Universum, das ursprünglich und
unmittelbar ist, in dem es andere Regeln der Schwerkraft gibt, die einen sowohl emotional als auch
intellektuell berühren. Als Künstlerin setze ich ein Zeichen für das, was mir wichtig ist, wovon ich
mehr in der Welt da draußen sehen möchte. Für meinen Teil wünsche ich mir ein gemeinsames
Verständnis von Kulturen, Traditionen und Identitäten. Und ich wünsche mir eine Welt voller Frauen
in Führungspositionen, die Kraft aus ihren Wurzeln schöpfen, aber auch offen sind für
Herausforderungen.

Was macht Ihre Kunst besonders? Was sind die zentralen Themen Ihrer Arbeit?
Ich denke, das Hauptmerkmal meiner Kunst ist ihre Aufrichtigkeit. Ich übersetze meine eigene Natur in sie, da ich als Künstlerin so direkt bin wie im Leben. Außerdem blicke ich nie auf meine früheren Arbeiten oder größeren Projekte zurück, entziehe mich ihrem Einfluss und fange immer wieder bei null an. Das zentrale Thema meiner Kunst ist Liebe, Trennung, Kollision und Synthese. Wenn ich diese Themen als Künstlerin betrachte, kann ich Menschen vereinen, indem ich über Grenzen hinweg schaue und Handelsbeschränkungen und existierende Feindseligkeiten vergesse. Auch indem ich Frauen als zentrale Heldinnen in meinen Kompositionen verwende, unterstreiche ich ihren sich verändernden Charakter in der modernen Realität

DEEDS WORLD - Courtesy of Galerie Kornfeld - Tamara Kvesitadze Embrace 2019

Tamara Kvesitadze, Embrace, 2019

Wie schützen Sie sich heutzutage vor zu viel Inspiration?
Zu viel Inspiration gibt es für mich nicht, sie kann praktisch von überall her kommen.

Wie viel ist in ihren Werken im Voraus geplant – wie viel wird intuitiv geschaffen?
Die Hauptidee wird in der Regel im Voraus geplant; während des Schaffensprozesses verfeinere und verändere ich Elemente immer wieder. Der Prozess ist von Projekt zu Projekt unterschiedlich, aber wenn möglich wechsle ich auch gerne zwischen den Medien, da mein Auge dadurch frisch und offen bleibt.

Wie sollte Ihre Kunst auf die Betrachter wirken?
Wenn meine Arbeit die Betrachter emotional berührt, habe ich mein Ziel erreicht. In „Man and
Woman“ zeige ich zwei Welten, die zu einer werden, wodurch ich darstellen möchte, dass Integration und Einheit möglich sind. Und nach der weltweiten Resonanz auf diese Skulptur zu urteilen, denke ich, dass es mir gelungen ist.

Was sind Ihre (nächsten) Ziele?
Mein nächstes Ziel ist immer das nächste Projekt. Ich bin Perfektionistin, und alle Einzelheiten eines
Projekts sind für mich gleich wichtig.

Was halten Sie vom Glauben? Haben Sie Glaubensgrundsätze oder gibt es ein Motto?
Obwohl ich aus einem sehr religiösen Land komme, habe ich kein bestimmtes spirituelles Motto oder strenges Glaubenssystem. Ich respektiere religiöse Menschen, die einen festen Glauben haben, und ich besuche gerne von Zeit zu Zeit ein Kloster. Ich glaube nicht, dass ich sehr religiös bin, aber ich versuche, mich an die elementaren Regeln des orthodoxen Christentums zu halten. Ich liebe es, in einer Kirche zu sein, eine Kerze anzuzünden und ab und zu zu beten.

Welches Projekt würden Sie noch gerne realisieren, wenn ein Mangel an Zeit, Mut oder Geld keine Rolle spielen würden?
Ich habe mehrere Traumprojekte, allen gemeinsam ist es, eine noch reichere visuelle und emotionale Erfahrung zu schaffen, vielleicht Elemente der Musik und des Theaters einzubeziehen, die Zuschauer zu umhüllen und an einen ganz anderen Ort zu transportieren.

Was sind Merkmale guter Kunst?
Inspirierend, ehrlich und offen zu sein, was heutzutage so selten ist; ein Großteil der Kunst ist politisiert oder zu konzeptlastig.

Wird man als Künstler/in geboren? Oder ist ein Kunststudium Ihrer Meinung nach
notwendig?

Ich glaube schon, dass man als Künstler/in geboren wird, aber ein Kunststudium ist wirklich
notwendig. Noch wichtiger als der Erkenntnisgewinn ist der Faktor einer echten künstlerischen
Gemeinschaft, wenn man an einer Kunstschule studiert und einen freien Austausch von Ideen pflegt. Bildung vermittelt einem ein solides Verständnis von der Welt, egal in welchem Bereich man sie erhalten hat.

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Tamara Kvesitadze, The Passage (Rendering), 2020

Wem zeigen Sie ein neues Werk zuerst?
Wer auch immer in diesem Moment neben mir steht.

Wie sieht die erste Stunde Ihres Tages aus?
Ich trinke Kaffee und erinnere mich an die Zeit, als ich noch geraucht habe. Ich liebe den Morgen und all die Rituale, die damit verbunden sind.

In der Zeit des Internet der Dinge, sind Galerien aus ihrer Sicht noch notwendig? Wenn
ja, warum und wozu?

Ich denke, dass das Universum genau in diese Richtung fließt, alles ist so viel leichter zugänglich und ich denke nicht, dass das schlecht ist. Unter diesem Gesichtspunkt sind Galerien vielleicht nicht unbedingt notwendig, aber für die Kunstindustrie ist das wohl eine Utopie. Ich für meinen Teil bin sehr froh, von der Galerie Kornfeld vertreten zu werden, die schon seit vielen Jahren mit mir zusammenarbeitet.
 
Soziale Medien – aus Ihrer Sicht ein Segen oder ein Fluch?
Ich befasse mich persönlich nicht mit den sozialen Medien, aber ich glaube, dass sie ein sehr
nützliches und zugängliches Instrument für den Kunstbetrieb sind. Ich weiß, dass viele Menschen
gerade über die sozialen Medien mit meinen Werken in Berührung gekommen sind, und in gewisser Weise bin ich dafür dankbar.

Epilog

Die Ausstellung The Passage mit einer raumfüllenden Arbeit von Tamara Kvesitadze wird vom 11. September bis 31. Oktober 2020 in der Galerie Kornfeld, Fasanenstraße , 10719 Berlin-Charlottenburg gezeigt. Die Galerie ist dienstags bis samstags von 12:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Termine nach Vereinbarung sind möglich unter +49 (30) 889 225 890 oder unter der Emailadresse galerie@galeriekornfeld.com.

Instagram: @tamarakvesitadze

Facebook: www.facebook.com/kvesitadze


In Zeiten von Corona, in denen Reisen, Atelierbesuche und persönliche Kontakte unangebracht oder sogar unmöglich sind, bleibt das schriftliche Interview ein wichtiges Medium, um Künstlerpersönlichkeiten vorzustellen, um ihre Botschaften zu verbreiten und um mit Kunstliebhabern in Kontakt zu bleiben.

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