THE INTERVIEW IN|DEEDS: Maike Freess

Prolog

Maike, wenn wir uns zu diesem Interview, das wir beide schriftlich geführt haben, persönlich hätten treffen können, wo würden wir dann jetzt miteinander sprechen? Wir treffen uns in meinem Atelier, in einem modern ausgebauten Fabrikgebäude in Berlin. Das Haus steht in zweiter Reihe zur Straße und ist mit einem Garten in recht ruhiger und grüner Umgebung gelegen. Das Atelier ist direkt an die Wohnung angebunden. Zwischen Wohnung und Atelier gibt es eine große Schiebetür. Ich kann mich also sehr gut zurückziehen. Die Räume sind hell und offen, das Klischee des überbordenden Ateliers kann ich überhaupt nicht bedienen, ich brauche eine spartanische, klare und puristische Umgebung zum Arbeiten. Am liebsten wäre mir der absolute White Cube. Vielleicht sitzen wir an Deinem Lieblingsplatz? Ich habe keinen Lieblingsplatz, höchstens nach Tagesform. Wir sitzen gerade an meinem Schreibtisch, vor einem großen Fenster. Es gibt Tee und Kekse – sehr gemütlich. Woher kommst Du, wo bist Du wann geboren? Meine Kindheit habe ich bis zum Studium in Leipzig verbracht, in der Nähe von Leipzig bin ich 1965 geboren. Wie und wo lebst und arbeitest Du derzeit? Derzeit lebe und arbeite ich vor allem in Berlin. Welche Stationen und Menschen haben Dich geprägt? Ich habe nach meinem Studium 12 Jahre in Paris gelebt und habe dort viele interessante Menschen getroffen, die mich geprägt haben und bis heute begleiten. Das sind Freunde, aber natürlich auch viele berufliche Kontakte. Danach bin ich nach Berlin gekommen, was mir erneut zu einer inspirierenden Umgebung wurde. Welche Schriftsteller*innen und Bücher finden sich in Deinem Bücherregal? Sehr viel Kunstliteratur und Kunstbände, keine Krimis, ansonsten große Vielfalt wie Beckett, Auster, Kafka, Walser, Jünger, Tucholski, Bataille, Frisch, Proust u.v.a. Welche Bücher haben Dich beeinflusst oder geprägt? Wirklich geprägt haben mich in meiner frühen Kindheit die vielen großen Kunstbände, von der frühesten Kunstgeschichte bis zur zeitgenössischen Kunst, die sich bei uns zu Hause bis zur Decke anhäuften. Ansonsten kann ich Samuel Beckett, besonders ‚Murphy‘ benennen. Was liest Du aktuell und wo liegt das Buch griffbereit? Momentan recherchiere ich viel Literatur bezüglich meiner inhaltlichen Themen, lese dazu Texte zu Gesellschaft, Psychologie oder Phylogenetik. Gerade lese ich ein Buch von Georges Didi-Huberman ‚Erfindung der Hysterie’ und ein Buch über Martin Kippenberger. Beide liegen auf meinem Arbeitstisch. Welche Musik hörst Du und wann? Ich liebe klassische Musik, besonders Barock. Allerdings frisst sie mich auf, wenn ich sie höre, sodass Arbeit und Musik zusammen leider nicht funktionieren. Wenn Du etwas für uns kochen würdest, was wäre es? Meeresfrüchte oder Fisch mit Salat. Was isst Du am liebsten?  Austern (leider zu selten) und Schokolade. Was hältst Du vom Frühstücken? Ohne Frühstück geht gar nichts. Auch wenn der Wecker sehr früh klingelt, nehme ich mir immer eine knappe Stunde Zeit, gut zu frühstücken. Welchen Sport oder Ausgleich betreibst Du? Klassischen Sport mache ich nicht wirklich, ein Fitnessstudio habe ich noch nie betreten, aber ich liebe Schwimmen und Fahrradfahren. Die Zeit ist nur dafür oft zu knapp. Mit meinen großen Formaten steige ich viel auf Leitern und denke, damit etwas Sport zu machen … Das Singen in einem Chor (vor Corona) sowie einer Hausband ist für mich eine schöne Bereicherung. Hast Du besondere Leidenschaften, für die Du brennst? Wie schon genannt: Musik und Gesang sind neben der Kunst zu einer kleinen Leidenschaft geworden. Hast Du ein Anliegen, das Du mit uns teilen möchtest? Ich habe die Hoffnung, dass wir aus der jetzigen Krisensituation mehr Kooperation für die Zeit danach in unseren Alltag mitnehmen könnten.

DEEDS WORLD - Artist Interview Maike Freess - Portrait

Maike Freess

Interview

Zu Beginn erzähle uns bitte in ein paar Sätzen Deine künstlerische Vita.

1986 – 1990 habe ich ein Hochschulstudium an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle mit Diplom und Auszeichnung bei Prof. I. Götze abgeschlossen. Von 1990 – 1991 war ich Meisterschülerin bei Prof. I. Götze an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein. 1991 ging ich mit einem Stipendium des Office franco-allemand pour la jeunesse, Bonn nach Paris. 1991 – 1992 habe ich ein zweijähriges Studium bei Prof. Christian Boltanski im Multimedia-Atelier an der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts in Paris abgeschlossen. 1997 hatte ich einen Lehrauftrag an der École des Beaux-Arts in Le Mans.

Zwei Sätze zu Deinem aktuellen Projekt bzw. der Ausstellung in der Luisa Catucci Gallery.

Meine aktuelle Ausstellung Theater of Soliloquy in der Luisa Catucci Gallery verstehe ich als Gesamtkunstwerk. Hier verbinde ich Zeichnung, skulpturales Objekt, Video und Raumzeichnung zu einer ganzheitlichen Inszenierung, in der alle Medien interagieren, den Raum mit einbeziehen und den Besucher nicht nur visuell beschäftigen.

DEEDS WORLD - Artist Interview Maike Freess - Exhibition view Luisa Catucci Gallery

Maike Freess, Ausstellungsansicht Luisa Catucci Gallery

Worüber machst Du Dir zurzeit am meisten Gedanken; was beschäftigt Dich?

Die wachsende Labilität unserer Welt.

Wie bist Du zur Kunst gekommen? Warum Kunst?

Ich bin schon als Kind zur Kunst gekommen, besser gesagt, die Kunst kam zu mir. Sie ist ganz einfach das Mittel, mich auszudrücken.

Was macht Dich aktuell glücklich? Was macht Dir aktuell Angst?

Mich macht glücklich, wenn die Dinge sich nachhaltig positiv entwickeln. Das Gegenteil hat logischerweise das Potential, mir irgendwann Angst zu machen.

DEEDS WORLD - Artist Interview Maike Freess - Atelier 3

Maike Freess in ihrem Atelier

Glaubst Du, dass Kunst eine gesellschaftliche Verantwortung trägt? Und was denkst Du, was sie bewirken kann?

Die Kunst ist vor allem neben der Wissenschaft die zweite wesentliche Methode, sich der Welt zu nähern. Damit steht gar nicht die Frage der Verantwortung der Kunst per se. Verantwortung entsteht im Kontext, wie Künstler und Rezipienten sich im gesellschaftlichen Diskurs einbringen.

Was macht Deine Kunst aus? Worum geht es in Deinen Werken – was sind die zentralen Themen?

Meine Arbeit beleuchtet unsere Realität hinter der Vordergründigkeit.

Unsichtbares sichtbar zu machen und den Blick für Verborgenes zu ermöglichen, ist die Brücke zwischen Innerem und dem, was wir zunächst wahrnehmen.

Der Bruch zwischen Innen und Außen, die Ambiguität der menschlichen Psyche sowie das Unbewusste, das sich dabei seinen Platz nimmt, beschäftigen mich.

Dabei geht es auch um Erinnerung, deren störende Seite wir gern verdrängen, korrigieren oder auslöschen zugunsten besserer Verarbeitung.

Zurzeit beschäftige ich mich mit dem immateriellen Erbe. Wie ist der Umgang mit unseren Prägungen, auf die wir keinen Einfluß hatten? Was bedeutet für uns diese ideelle, ungewollte Mitgift vorhergehender Generationen?

Dafür nutze ich verschiedenste Medien wie Skulptur, Installation, Video und Fotografie, hauptsächlich aber die Zeichnung. Alles kann zu einem Ganzen miteinander verschmelzen.

DEEDS WORLD - Artist Interview Maike Freess - Die Erben

Maike Freess, Die Erben 51

Wie schützt Du Dich in der heutigen Zeit vor zu viel Inspiration?

Zu viel Inspiration gibt es für mich nicht. Ich kann recht sauber trennen, ob etwas für mich relevant ist oder nicht.

Wie viel in Deinen Arbeiten ist vorher geplant – wie viel entsteht intuitiv?

Alles in meiner Arbeit ist genau geplant, nichts intuitiv.

DEEDS WORLD - Artist Interview Maike Freess - Atelier 2

Im Atelier

Was soll Deine Kunst beim Betrachter bewirken?

Ich zeige zunächst meine Sicht auf die Themen, die mich beschäftigen. Mich freut es natürlich, wenn sich dadurch der Blick öffnet und Selbstreflexion einsetzt.

Was sind Deine (nächsten) Ziele?

Neben Galerieausstellungen und Kunstmessen bereite ich zwei institutionelle Ausstellungen vor.

Wie stehst Du zum Thema Glauben? Hast Du Glaubensgrundsätze oder gibt es einen Leitspruch?

Glaube ist die subjektive Weltanschauung eines jeden Einzelnen und ich respektiere ihn.

Welches Projekt würdest Du gerne noch realisieren, wenn fehlende Zeit, mangelnder Mut oder finanzielle Ressourcen keine Rolle spielen würden?

Mangelnder Mut ist hier sicher die kleinste Kategorie, aber eine etwa 100 Meter breite Zeichnung würde ich sehr gerne einmal realisieren.

Was sind aus Deiner Sicht Attribute für gute Kunst?

Kunst muss wach rütteln und vor allem stören.

DEEDS WORLD - Artist Interview Maike Freess - Instinkt

Maike Freess, Instinkt

Wird man als Künstler*in geboren? Oder ist ein Kunststudium aus Ihrer Sicht Pflicht?

So könnte man es ausdrücken. Den künstlerischen Blick kann man nicht erlernen, nur das Handwerk vervollkommnen. Wo und wie man dieses erreicht ist vielseitig möglich.

Wem zeigst Du ein neues Werk zuerst?

In den meisten Fällen sieht meine Familie die neuen Arbeiten zuerst.

Wie sieht die erste Stunde Deines Tages aus?

Frühstücken.

Sind im Zeitalter des „Internets der Dinge“ Galerien aus Deiner Sicht noch notwendig? Wenn ja, warum und wofür?

Galerien sind und bleiben als Schnittstelle im jetzigen Kunstmarkt unersetzlich. Sie müssen sich allerdings um ihre Zukunftsfähigkeit bemühen.

Social-Media – aus Deiner Sicht Segen oder Fluch?

Wie bei allen Dingen beides. Es kommt immer darauf an, was man mit den Werkzeugen so anstellt.

Epilog

Die Ausstellung Theater of Soliloquy mit Arbeiten von Maike Freess ist vom 5. September bis 23. Oktober 2020 in der Luisa Catucci Gallery, Allerstraße 38, 12049 Berlin-Neukölln zu sehen. Nach dem Ende der Ausstellung bleibt diese als 360 Grad GALLERY VISIT virtuell besuchbar.

Instagram: ist im Aufbau

www.maikefreess.com


In Zeiten von Corona, in denen Reisen, Atelierbesuche und persönliche Kontakte unangebracht oder sogar unmöglich sind, bleibt das schriftliche Interview ein wichtiges Medium, um Künstlerpersönlichkeiten vorzustellen, um ihre Botschaften zu verbreiten und um mit Kunstliebhabern in Kontakt zu bleiben. Die Interviews werden von der Redaktion nicht redigiert oder gekürzt und stets im O-Ton wiedergegeben. Daher nehmen wir auch keine Übersetzung des Interviews in Englische bzw. Deutsche vor, es sei den, diese wird seitens des/der Interviewten eingereicht.

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