THE INTERVIEW IN|DEEDS: Stef Heidhues | Galerie EIGEN + ART Berlin

Prolog | Persönliches

Stef, stelle Dir vor, die Pandemie würde derzeit nicht unser Leben bestimmen und Du könntest uns in Deinem Zuhause oder in Deinem Atelier empfangen. Wo sprechen wir zusammen? Wir würden uns in meinem Atelier treffen. Es liegt in der dritten Etage in einem industriellen Gebäude und bietet durch eine große Fensterfront einen Blick auf die umliegenden Backsteingebäude und Dächer. Jetzt gerade ist es eher leer. Seit Anfang Februar läuft meine Einzelausstellung bei Eigen+Art in Berlin, und dafür sind viele neue Arbeiten entstanden, die jetzt logischerweise nicht mehr im Atelier sind. Es gibt aber Überbleibsel von angefangen Arbeiten, Ansammlungen von Fundstücken und Arbeitsmaterial, sowie an einer Wand meine zum Teil ganz gut geordneten und zum Teil planlos vollgestopften Regale. Vielleicht sitzen wir an Deinem Lieblingsplatz? Vermutlich. Mein ganzes Atelier ist mein Lieblingsplatz.

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Stef Heidhues, Atelier, Courtesy of Stef Heidhues

Woher kommst Du, wo bist Du wann geboren? Ich bin 1975 in Washington D.C. geboren und habe die ersten 8 Jahre in den USA gelebt. Wo lebst und arbeitest Du derzeit? In Berlin. Welche Stationen und Menschen haben Dich geprägt? Künstlerisch auf jeden Fall mein Studium an der HfbK Hamburg bei Franz Erhard Walther. Auf persönlicher Ebene einige Menschen, die mir wichtig sind, ein paar Verluste, und die Tatsache dass ich ein eineiiger Zwilling bin. Welche Schriftsteller*innen findest Du derzeit spannend und welche Bücher finden sich in Deinem Bücherregal? Mary Karr, Sally Rooney, Maya Angelou, Rachel Cusk, und Joan Didion habe ich in der letzten Zeit gelesen und gemocht. Welche Bücher haben Dich beeinflusst oder geprägt? Als Kind Die Brüder Löwenherz und Ronja Räubertochter von Astrid Lindgren. America von Jean Baudrillard. Irre von Reinald Goetz. Was liest Du aktuell und wo liegt das Buch griffbereit? Jetzt aktuell lese ich Faux Pas von Amy Sillman. Das lese ich im Rahmen einer transcontinental reading group, die aus der Frage entstanden ist wie man die Kombination von Berliner Winter und CoronaKrise übersteht. Wir bestehen aus zwei Kuratorinnen in Vancouver und New York, einer Theaterregisseurin in Berlin und Prag und zwei bildenden Künstlerinnen in Berlin. Wir treffen uns via Zoom und besprechen was wir lesen. Welche Musik hörst Du und wann? Zum Arbeiten gerne relativ abstrakte ElektroMusik ohne Vocals. Ansonsten Beastie Boys, David Bowie, Sleaford Mods, the Clash, Rockers Hifi etc. Insgesamt höre ich nicht mehr so viel Musik.

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Stef Heidhues, Atelier, Courtesy of Stef Heidhues

Wenn Du etwas für uns kochen würdest, was wäre es? Linsen, Risotto oder Quiche und Salat. Meine Vinaigrette ist echt gut. Was isst Du am liebsten? Linsen, Blaubeeren und Mandelkekse, aber nicht in der Kombination. Was hältst Du vom Frühstücken? Eine Zeitlang habe ich jeden Tag warm gefrühstückt. Manchmal mache ich das immer noch, im Moment ist es aber meistens einfach schwarzer Kaffee und Blaubeeren. Welchen Sport oder Ausgleich zu Deiner Arbeit betreibst Du? Yoga und generell bewege ich mich gerne viel aber nicht unbedingt schweißtreibend. Hast Du besondere Leidenschaften oder Hobbies, für die Du brennst, und wenn ja welche? Mit dem Begriff Hobby kann ich nichts anfangen. Ich brenne für meinen Beruf und fast alles was ich mache und mag hängt irgendwie damit zusammen, und sei es als Inspirationsquelle. Richtig abschalten kann ich am besten im Umgang mit Tieren oder auf Reisen.  Welches Persönlichkeitsmerkmal macht Dich aus? All meine Persönlichkeitsmerkmale machen mich aus ☺

DEEDS WORLD - Interview Stef Heidhues Portrait - Foto Kerstin Mueller

Stef Heidhues, Foto: Kerstin Müller

Interview | Künstler + Position

Zu Beginn erzähle uns bitte in ein paar Sätzen Deine künstlerische Vita.

Ich habe an der FH Düsseldorf 4 Semester Kommunikationsdesign studiert und dann von 1999-2005 in Hamburg an der Hochschule für bildende Künste Freie Kunst bei Franz Erhard Walther. Nach dem Diplom bin ich nach Berlin gezogen und lebe und arbeite seitdem hier.

Erläutere uns kurz Dein aktuelles Projekt.

Die jetzt laufende Solo-Ausstellung bei Eigen+Art in Berlin hat den Titel ‚Backstage with the modern Dancers‘. Sie besteht aus vornehmlich skulpturalen Arbeiten, die sich insgesamt zu einem räumlichen Bild zusammenfügen durch das sich die BetrachterIn bewegt.

Es gibt außerdem einen sehr schönen Text von Larissa Kikol und ein tolles Video von Mathias Maerks auf der Webseite der Galerie https://eigen-art.com

Worüber machst Du Dir zurzeit am meisten Gedanken; was beschäftigt Dich ? 

Was mir Sorgen macht, ist dass die Politik, deren Kommunikation und Umgang mit der Pandemie ich in den ersten Monaten vorbildlich und sehr vertrauenswürdig fand, offenbar keine Wege gefunden hat, die gewonnenen Erkenntnisse zügig und effizient in Handlungen umzusetzen. Dass wir als eines der reichsten Länder seit Jahren nicht genug in das Bildungssystem investieren. Dass die Pandemie die Ungleichheit zwischen arm und reich, und die ohnehin mangelnde Chancengleichheit verstärkt hat, und dass Deutschland in Sachen Gender Pay Gap europaweit auf den hinteren Plätzen liegt. Der Anstieg an Verpackungsmüll durch TakeAway und Wegwerfmasken. Und welchen Stellenwert die Kultur in einer Gesellschaft hat, in der Friseure vor den Museen öffnen dürfen.

Wie bist Du zur Kunst gekommen? Warum Kunst?

Ich komme aus einer Familie mit vielen Ökonomen, Landwirten und WissenschaftlerInnen. Alles sehr faktenbezogen. Ich war schon immer von Bildern und Geschichten fasziniert. In einigen habe ich eine eigene Logik erkannt, etwas, das nicht rational erklärbar ist, aber dennoch nicht beliebig, sie haben eine Anziehung auf mich ausgeübt. Zum ersten Mal aufgefallen ist mir das vor einem kubistischen Bild von Picasso, ein Porträt. Da war ich vielleicht zehn oder jünger. Die Freiheit, die ich darin erkannt habe, hat mich gleichzeitig provoziert und angezogen. Ich habe etwas von mir darin erkannt.

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Stef Heidhues, Atelier, Courtesy of Stef Heidhues

Was macht Dich aktuell glücklich?

Katze Arbeit Freunde, Reihenfolge austauschbar

Was macht Dir aktuell Angst? 

Nicht aktuell, allgemein: Dummheit und Gewalt

Glaubst Du, dass Kunst eine gesellschaftliche Verantwortung trägt? Und was denkst Du, was sie bewirken kann?

Kunst muss frei sein, und man darf ihr nicht die Erwartung aufbürden, gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Aber zeitgenössische Kunst entsteht in Reaktion auf die Gegenwart, und reflektiert sie so. Wer sich wirklich auf Gegenwartskunst einlässt muss immer wieder für neue Inhalte, Formen, Lesarten und Thematiken offen sein. Offenheit ist ein Mindset, das einem selbst und generell der Gesellschaft nicht schaden wird.

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Ausstellungsansicht Galerie EIGEN + ART Berlin, Stef Heidhues, Backstage with
the Modern Dancers, 2021, Courtesy of Galerie EIGEN + ART Berlin & Stef Heidhues

Was macht Deine Kunst aus? Worum geht es in Deinem Werk – was sind die zentralen Themen?

Mehr als dass es in meinen Arbeiten um etwas geht kommen sie von irgendwo her. Sie entstehen aus einer Kombination von Auseinandersetzung Form und Material, sowie mit gesellschaftlichen Fragen. Und in Reaktion auf einen konkreten Raum.

Lesen Sie die ganze Antwort von Stef Heidhues zur Frage nach ihrem Werk in THE DEED | DAS WERK.

Wie schützt Du Dich in der heutigen Zeit vor zu viel Inspiration?

Gar nicht, das ist bei mir Normalzustand. Wobei ich permanent neue Listen anlege, mit Ideen und Recherchevorhaben und To Dos, das ist schon ein Versuch den Input zu kanalisieren.

Wie viel in Deinen Arbeiten ist vorher geplant – wie viel entsteht intuitiv?

In der Entwicklung der Arbeit gehe ich ziemlich intuitiv vor, in dem Sinne, dass sich viele Entscheidungen nicht rational begründen lassen. In der Ausführung müssen manche Arbeiten vorher komplett duchgeplant sein, andere entstehen Schritt für Schritt.

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Stef Heidhues, Atelier, Courtesy of Stef Heidhues

Was sind Deine (nächsten) Ziele?

Kann eigentlich gerne so weitergehen wie es gerade läuft. Neue Räume sind gute Herausforderungen. Eine Publikation steht an.

Wie stehst Du zum Thema Glauben? Hast Du Glaubensgrundsätze oder gibt es einen Leitspruch?

Ich bin nicht religiös. Ich glaube nicht an eine höhere Macht, die lenkt oder entscheidet oder bestraft. Ich glaube an Freiheit und Selbstbestimmtheit. Vielleicht geht es am ehesten um eine innere Stimme. Zu viel Vergleich mit anderen, Neid, Gier, all das macht unfrei. 

Welches Projekt würdest Du gerne noch realisieren, wenn fehlende Zeit, mangelnder Mut oder finanzielle Ressourcen keine Rolle spielen würden?

Eine Zusammenarbeit mit jemandem aus den Bereichen Theater, Mode oder Tanz würde ich gerne machen.

Was sind aus Deiner Sicht Attribute für gute Kunst?

Formale Eigenständigkeit, dass das Kunstwerk über sich hinausweist, dass es nicht didaktisch ist, dass es nicht durch Sprache ersetzt werden kann.

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Ausstellungsansicht Stef Heidhues, Courtesy of Stef Heidhues

Wird man als Künstler*in geboren? Oder ist ein Kunststudium aus Deiner Sicht Pflicht?

Ich glaube dass Sensibilität und der Wunsch sich gestalterisch auszudrücken vermutlich in einem angelegt sind. Aber die Erfahrung des Machens, den eigenen Denk- und Arbeitsprozess kennenzulernen und der Austausch mit Anderen sind notwendig um eine künstlerische Position zu formulieren. Diese Erfahrung, Vernetzung, Verortung findet meistens in und nach dem Studium statt.

Wem zeigst Du ein neues Werk zuerst?

Einer guten Freundin. Wir treffen uns in regelmäßigen Abständen im Atelier, abwechselnd bei ihr und bei mir, und besprechen aktuelle Projekte, Strategien, Konzepte, Fragen. Eigentlich ist es gegenseitiges Coaching.

Wie sieht die erste Stunde Deines Tages aus?

Katze füttern, Kaffee, Katze spielen, Katze bürsten, Yoga, Duschen.

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Ausstellungsansicht Galerie EIGEN + ART Berlin, Stef Heidhues, Backstage with
the Modern Dancers, 2021, Courtesy of Galerie EIGEN + ART Berlin & Stef Heidhues

Sind im Zeitalter des Internets der Dinge Galerien noch notwendig? Wenn ja, warum und wofür?

Die 1:1 Begegnung mit Kunst kann das Internet nicht ersetzen. Aber die Galerie ist auch Plattform und Firewall in einem. Was die Galerie leistet könnte ich niemals selbst für mich tun. Eine Zusammenarbeit zwischen Galerie und Künstler, die auf Vertrauen basiert ist eine Win-Win Situation.

Social-Media – Segen oder Fluch?

Beides, wobei mir Segen etwas zu euphorisch klingt.  Instagram kann ich für mich gut nutzen, Facebook verabscheue ich.

Epilog | Aktuelles

Die Einzelausstellung Backstage with the Modern Dancers mit Arbeiten von Stef Heidhues ist vom 11. Februar bis 20. März 2021 in der Galerie EIGEN + ART Berlin, Auguststraße 26, 10117 Berlin-Mitte zu sehen.

www.instagram.com/stefheidhues

www.stefheidhues.com


In Zeiten von Corona, in denen Reisen, Atelierbesuche und persönliche Kontakte unangebracht oder sogar unmöglich sind, bleibt das schriftliche Interview ein wichtiges Medium, um Künstlerpersönlichkeiten vorzustellen, um ihre Botschaften zu verbreiten und um mit Kunstliebhabern in Kontakt zu bleiben. Die Interviews werden von der Redaktion nicht redigiert oder gekürzt und stets im O-Ton wiedergegeben. Daher nehmen wir auch keine Übersetzung des Interviews in Englische bzw. Deutsche vor, es sei den, diese wird seitens des/der Interviewten eingereicht.

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