THE INTERVIEW IN|DEEDS: Hubertus Hamm in 360°

Hubertus Hamm, geboren 1950 im sauerländischen Werdohl, ist ein deutscher Fotograf und Fotokünstler. Von 1970 bis 1973 absolvierte er die Bayerische Staatslehranstalt für Fotografie in München mit Diplom. Anschließend assistierte er bis 1975 bei Jan Keetman. Ab 1977 betrieb Hubertus Hamm sein eigenes Atelier für redaktionelle, konzeptionelle und Werbe-Fotografie in München. Er realisierte Werbekampagnen u. a. für BMW, Prada, Bosch, Bulthaup, Coca-Cola, Deutsche Bank, Philipp Morris, Toshiba, Daimler Chrysler, die Deutsche Bank, Ford, Fuji, Smart, Lufthansa und Marco Polo etc. sowie Editorials für u.a. die Süddeutsche Zeitung, Vogue, Harpers Bazaar, Focus, Spiegel, Stern und Die Zeit. Seit 2000 liegt sein Fokus auf Kunst- und Ausstellungsprojekten. Derzeit sind Werke von Hubertus Hamm in der Solo-Ausstellung “Dimensioning Photography” der Galerie Kornfeld offsite in Berlin-Kreuzberg zu sehen.

Ausstellung “Dimensioning Photography” von Hubertus Hamm in den Räumen der Euroboden GmbH am Berliner Standort (Tempelhofer Ufer 11, 10963 Berlin-Kreuzberg, Details siehe unten)

Hubertus, wir hatten die Freude, kürzlich eine Deiner Ausstellungen* zu besuchen. Für einen Fotografen gab es dort jedoch auffallend wenig Fotografie zu sehen, nämlich stattdessen Objekte und Installationen, und nur zwei davon waren erkennbar mit einer Fotografie versehen, wenn wir das recht erinnern. Darf Wikipedia Dich dann korrekter Weise überhaupt „Fotokünstler“ nennen  – und wenn ja, warum?

Alle Arbeiten entstanden aus einer Auseinandersetzung mit den Grundlagen der Fotografie. Ich erforsche ihre Parameter, mich interessiert, was ist Objekt, Subjekt, Zeit und Raum und da meine Fotoarbeit, auch die angewandte, für mich immer das Herstellen von Objekten war, entwickelte sich der Schritt automatisch, gelegentlich ganz ins Objekthafte zu gehen. Tatsächlich aber sind in dieser Ausstellung acht von dreizehn Arbeiten Fotografien, allerdings sind sie dimensioniert.

Was geschieht mit einem Foto, dass Du als Kunstwerk „dimensionierst“, wenn wir den von Dir geprägten Begriff „Dimensioning Photography“ so übersetzen dürfen, aus Deiner Sicht als Künstler?

Unter dem Begrif „dimensioning“ verstehe ich zum einen das Vermessen, Analysieren, aber auch eine weitere Dimension hinzuzugeben, physisch oder konzeptionell. Mein Begriff „Dimensioning Photography“ fasst das zusammen was ich tue. Ich verwende dazu unterschiedliche Techniken, immer mit dem Ziel, Aussagen zu verdichten, oder erst zu ermöglichen, aber nie zum Selbstzweck.

Du arbeitetest ab 1977 als sehr erfolgreicher Fotograf mit eigenem Atelier in München und bist seit 2000 als (Foto) Künstler tätig. Was war der Grund für die Entscheidung, Dich nur noch der Kunst zu widmen?

Parallel zu Aufträgen habe ich seit meinem Start als Fotograf 1972, wenn Zeit war, an diesen Fragestellungen gearbeitet und daraus Arbeiten realisiert. Die ersten Ergebnissen konnte ich schon 1990 in einer umfangreichen Einzelausstellung im Museum Villa Stuck in München zeigen. Nach 2000 war die Zeit endgültig reif, mich für die Kunst zu entscheiden, es wurde mir immer schwieriger in den doch sehr unterschiedlichen Welten parallel zu arbeiten, obwohl sie sich auch gegenseitig befruchtet haben.

Wenn Du kein Fotograf geworden wärst, was wäre dann stattdessen aus Dir geworden?

Die Frage hat sich mir nie gestellt. Außer Unterwasserfotografie glaube ich, habe ich mich mit allen Gebiete der Fotografie auseinandergesetzt und bin heute noch nicht fertig damit. Die Endscheidung zur Fotografie und zur Kunst habe ich nie bereut. Wenn Lesen ein Beruf wäre, wäre ich Leser geworden. Gerade lese ich der „Strom des Bewusstseins“ von Oliver Sacks.

Hast Du als Künstler ein Lebensmotto – wenn ja, wie lautet es?

Auch dem Zufall eine Chance geben. Damit meine ich, zum Beispiel in einem Arbeitsprozess, immer bereit zu sein einen neuen Weg einzuschlagen, wenn sich etwas Interessantes, Unerwartetes ergibt. Ich denke oft, dass mir fast alles so zugefallen ist – schwierig ist es, eine Chance zu erkennen und zuzugreifen. Zum Beispiel diese Lichtvisualisierung im Raum hätte ich mir nie so ausdenken können, so etwas hat es noch nie gegeben und so konnte ich sie mir auch nicht ausdenken. Tests mit Licht haben mir die Tür dahin geöffnet. Ich hatte schon ein Ziel, aber keine Ahnung, wie ich es erreichen sollte. Ich denke, das ist der Weg, wie die meisten Erfindungen entstehen – ein geplanter Zufall.

Was macht, Deiner Meinung nach, ein gutes Foto bzw. Kunstwerk aus?

Eine essentielle Frage, über die kluge Menschen Bücher geschrieben haben, die ich hier nicht schnell beantworten kann. Eins kann ich sagen, wenn eine Arbeit mit mir spricht, ist der erste Schritt getan.

In der aktuellen Ausgabe der Monopol (7-8/2019) wird Gerhard Richter zum Zustand der zeitgenössischen Kunst mit den Worten zitiert: „Die Kunst ist befreit von Kenntnissen“. (Gerhard Richter zeichnet ein skeptisches Bild vom Zustand der zeitgenössischen Kunst). Wie stehst Du zu dieser Aussage?

Das klingt pauschal, aber auch ich versteh’ oft die Akzeptanz und das Lob der Kunstwelt für Arbeiten nicht, die in meinen Augen lediglich witzige, verquere Idee zeigen. Ich hätte gern viel mehr Kenntnisse.

Wie beurteilst Du die aktuelle Entwicklung des Kunstmarktes? Gibt es überhaupt den einen Kunstmarkt?

Klar, es gibt ihn, seine Facetten sind für mich undurchschaubar, aber er interessiert mich auch nicht wirklich.

Interessiert Dich, was Sammler mit Deinen Arbeiten anstellen?

Wenn sie ein Bild weiterverkaufen oder versteigern lassen, bin ich schon etwas traurig.

Worüber machst du zurzeit am meisten Gedanken; was beschäftigt Dich? Was macht Dich aktuell glücklich? Was macht Dir aktuell Angst?

Glücklich macht mich, dass ich und meine Familie gesund und munter und überhaupt da sind. Große Ängste habe ich keine. Meine Gedanken kreisen um so viel, dafür ist hier kein Platz.

Wem zeigst Du als ersten ein neues Werk?

Demjenigen, der gerade kommt oder da ist.

Wie schützt Du Dich in der heutigen Zeit vor zuviel Inspiration; wie bewahrst Du den Fokus trotz aller Botschaften, die auf uns einprasseln?

Den Fokus zu halten, ist eine tägliche Herausforderung, ich arbeite daran. Zum Beispiel nehme ich seit neustem das Handy nicht mit ans Bett. Meine Welt reicht mir, ich brauch wenig Anregung von Außen, gehe selten ins Kino etc. Lieber in die Natur, oder ich lese, oder döse.

Wie sieht die erste Stunde Deines Tages aus?

Ohne Wecker aufstehen und in Ruhe Zeitung lesen.

Zwei Sätze zu Deinem aktuellen Projekt.

Vieles läuft parallel. Gerade habe ich eine Installation fertiggestellt, die Licht als visuell erfahrbaren Körper im Raum schwebend zeigt. Die Arbeit wird erstmals auf der UNTITLED, Miami Beach Anfang Dezember 2019 von der Galerie Kornfeld in einer eigenen Box präsentiert.

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*Die Ausstellung “Dimensioning Photography” von Hubertus Hamm ist im Sommer 2019 in den denkmalgeschützten, repräsentativen Räumen der Euroboden GmbH, Tempelhofer Ufer 11, 10963 Berlin-Kreuzberg zu sehen und bildet den Auftakt einer neuen Ausstellungsreihe, die durch den Münchner Kunstraum BNKR konzipiert wird. Bei Fragen zu den Werken von Hubertus Hamm oder zur Vereinbarung Ihres persönlichen Besichtigungstermins wenden Sie sich bitte direkt an die Galerie Kornfeld, Ansprechpartner: Dr. Tilman Treusch, Treusch@galeriekornfeld.com, M +49 176 24 11 49 20.

BNKR – current reflections on art and architecture wurde 2014 vom Münchner Unternehmer Stefan F. Höglmaier initiiert und wird durch die Euroboden GmbH getragen. BNKR versteht sich als transdisziplinäre Plattform für zeitgenössische Kunst und Architektur und hat ihren Sitz im unter Denkmalschutz stehenden Hochbunker in München/Nord-Schwabing. Unter der Leitung von Nina Pettinato werden externe Kurator*innen mit der Konzeption und Realisierung eines einjährigen Ausstellungsprojektes sowie eines begleitenden Rahmenprogramms beauftragt. Die Zielsetzung von BNKR ist es, den Dialog zwischen Kunst, Architektur und anderen Disziplinen wie Design, Wissenschaft, Philosophie und Musik zu fördern.

BNKR – current reflections on art and architecture, Ungererstraße 158, 80805 München, www.bnkr.space / info@bnkr.space
Tel +49 89 689 06 06 20

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THE INTERVIEW IN|DEEDS ist ein konzeptuelles, mediales Kunstwerk, das Regeln folgt: Ein Interview umfasst eine bestimmte Menge an Fragen, in diesem Fall 14 Stück. Sie werden ohne Zeitdruck und ohne Längenvorgabe schriftlich beantwortet. Der Interviewte hat die Freiheit, ihm wichtige Fragen zu ergänzen oder auch Fragen unbeantwortet zu lassen. Beides ist hier nicht geschehen. Am eingereichten Interview nehmen wir inhaltlich keine Änderungen oder redaktionellen Korrekturen vor. Der Interviewte wird somit unverfälscht und im O-Ton wiedergegeben.

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