THE INTERVIEW IN|DEEDS: Henrik Jacob

Henrik Jakob (*1972 in Dresden) lebt und arbeitet in Berlin. Von 1994 bis 2001 studierte er Bildende Kunst an der Hochschule für Künste, Bremen. 2007/2008 gründete und kuratierte er den Berliner Kunstraums Kulturpalast Wedding International. Seine Knetkunstwerke sind ab Juni bis November 2019 in „Alles Kneten“ im Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg zu sehen.

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Henrik Jacob, Portrait vor Cafe Deutschland International Die Knetbar, 2014, copyright Stefanie Rumpler

Zwei Sätze zu Deiner Vita.

Geboren und aufgewachsen im Osten, im Tal der Ahnungslosen, bin ich in den Westen gegangen und wieder zurückgekehrt. Ich habe auf alles zwei Perspektiven; weiss dass nichts ewig hält, die meisten Probleme sich von selbst in Luft auflösen, der alte Westen der neue Osten und Rammstein die beste FDJ- Persiflage ist.

Worüber machst du zurzeit am meisten Gedanken; was beschäftigt Dich?

Diese Frage

Wie bist Du zur Kunst gekommen? Warum Kunst?

Ich bin in einem Künstlerviertel aufgewachsen. Die meisten hatten lange Haare, zottelige Bärte und mussten als einzige nicht in irgendeiner Fabrik arbeiten. Sie wirkten auf eine wundersame Weise frei und entrückt. In der DDR schien mir das der einzige Lebensentwurf zu sein, der lebenswert war.

Was macht Dich aktuell glücklich? Was macht Dir aktuell Angst?

Glücklich macht mich wenn ich das Gefühl habe etwas zu bewirken. Wenn ich mit meiner Bar aus Knete in verschiedene Städte reise und dort mit den unterschiedlichsten Leuten in Kontakt komme. Oder alltägliche old school- Dinge, wie mit meiner Tochter Karten zu spielen, sie aufwachsen zu sehen. Angst macht mir eher, dass sie in Zukunft vielleicht nicht so ein unbeschwertes, freies Leben haben könnte wie ich.

Was macht Deine Kunst aus? Kannst Du die Intention Deiner Kunst mit uns teilen?

Ich denke ich habe einen sehr einfachen, direkten Zugriff auf Material, der sich aus irgendeinem Materialfetischismus ergibt. Ich brauche nichts als meinen Daumen und schwarz- weisse Knete um ein x-beliebiges Bid oder einen Raum zu erschaffen. Dabei spielt auch eine Rolle, dass das Endprodukt für mich eher ein vorläufiges Angebot ist, denn Knete ist wandelbar, enthält die Spuren der Zeit, der physischen Kraft des Arbeitsvorgangs und meine Fingerabdrücke als Signatur. Ich interessiere mich eher für die Offenlegung des Herstellungsprozesses, als für ein fertiges Endprodukt. Kneten ist Arbeiten an einer Art Anti-Kunstgeschichte.

Wie schützt Du Dich in der heutigen Zeit vor zu viel Inspiration, Eindrücken, Botschaften (vor dem Verlust des Fokus)?

Zu viel ist wie zu wenig. Es hilft auch, wenn es mir gelingt, die unfreiwillige Komik hinter den meisten Botschaften und Ablenkungen zu erkennen und nicht alles ernst zu nehmen. Vieles wiederholt sich und kommt nur neu eingekleidet daher. Es ist ein grosses spätkapitalistisches Getöse, bei dem jeder versucht vorzugeben, das Rad neu erfunden zu haben um seine mickrige Wohnung halten zu können. Um vorläufig glücklich zu sein braucht man heute genauso wenig wie vor hundert Jahren: Licht, Luft, Liebe, Kunst, evtl. noch Bier.

Wie beurteilst Du die aktuelle Entwicklung des Kunstmarktes?

Ich kann die Frage genauso wenig ernst nehmen wie den Kunstmarkt. Auch verstehe ich den Hype um viele Sachen nicht und habe das Gefühl, es wird einfach zu viel Schrott, Kitsch und Dekoware als Kunst verkauft. Hinter vielen Kunstwerken kann ich auch keine Haltung des Herstellers erkennen. Es ist eine Art Instagramisierung; Hauptsache die Oberfläche der Bildchen sieht cool und catchy aus. Und warum diese ganze gegenständliche, altbacken- meisterliche Malerei?

Zwei Sätze zu Deinem aktuellen Projekt.

Als Ausstellungsmacher einer expliziten non-profit Produzentengalerie beschäftige mich gerade damit, wie man die Finanzindustrie dazu bewegen kann unabhängige nichtkommerzielle Projekträume zu finanzieren, die in Berlin immer teurer und damit seltener werden. Schliesslich arbeiten beide mit virtuellen Werten, die aber dennoch ein Mindestmaß an realen Raum benötigen. Im Fall Banking zumindest die Stellfläche eines ATM Automaten. Wieviele ATM Automaten sichern z.B. die Berliner Projektraum- Subkultur, durch die Vermietung von Stellfläche?

Was sind Deine (nächsten) Ziele?

Hamburg, Wien, Seoul – Knetbar on Tour

Welche Rolle spielt Humor in Deinen Arbeiten?

Eine sehr grosse Rolle, hoffe ich. Aber ich plane nicht, jetzt ein besonders humorvolles Kunstwerk herzustellen. Ich finde es eher schon komisch genug sich mit Kunst zu beschäftigen, Sachen zu machen, die einem unbestimmten gesellschaftlichen Zweck erfüllen. Diese komische Grundgefühl zieht sich dann auch durch alle Arbeiten.

Glaubst Du, dass Kunst eine gesellschaftliche Verantwortung trägt? Und was glaubst Du, was sie bewirken kann?

Kunst wirkt immer in die Gesellschaft hinein. Sie ist im Idealfall frei und nur sich selbst verpflichtet. Gerade wenn sie verantwortungslos im besten Sinne ist, also frei und radikal, kann sie ihrer gesellschaftlichen Verantwortung am besten gerecht werden. Künstlerische Verantwortung beschränkt sich nicht auf die ästhetische Ausgestaltung politischer oder gesellschaftsrelevanter Botschaften, Kunst machen ist selber die Botschaft. Kunstschaffende müssen auch keinen Müll trennen, sie haben wichtigere gesellschaftlichere Aufgaben zu erfüllen und das ist schwer genug.

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Henrik Jacob, Serie Junge Diktatoren Nordkorea, 30 x 40 cm, Knete Plexiglas, 2014, copyright Stefanie Rumpler

Was hältst Du von politischer Kunst?

Kunst ist – wenn sie Kunst ist- immer politisch. Siehe oben.

Liegt bei Dir Kunst in der Familie?

Nein. Ich wurde in eine Familie von Naturwissenschaftlern hineingeworfen, die sich alle für extrem logisch denkend und normal hielten. Das hat in mir schon früh ein Aliengefühl erzeugt.

Hast Du einen Galeristen? Wie hast Du ihn kennengelernt?

Galeristen lernt man nicht kennen, sondern sie lernen einen kennen. Meistens auch nicht in einer Galerie. So war es zumindest in meinem Fall.

Ist im Zeitalter des Internets der Dinge eine Galerie (aus Deiner Sicht) noch notwendig? Wenn ja, wofür?

Alle herkömmlichen künstlerischen Techniken, ausgenommen evtl. Foto- und Videokunst sind medial und online nur schwer vermittelbar. Deshalb bedarf es eines Ortes an dem ein Kunstwerk mit all seinen Eigenschaften, Oberflächenstrukturen ästhetisch erfahrbar werden kann. Das ist meistens eine Galerie. Diese ist die Erweiterung des Ateliers, in dem Kunstwerke ja meistens auch real und weniger virtuell entstehen.

Wie entsteht die Idee zu einem Kunstwerk?

Ich habe grossen Respekt vor Ideen. Sie kommen aus den Nirgendwo, meistens in alltäglichen Situationen. Aber die Grundidee umzusetzen erweist sich im Atelier meist als belanglos oder nicht sinnvoll und es braucht mehrere Ansätze, ein Gefühl für Scheitern an der richtigen Stelle und weitere Ideen um ein zufriedenstellendes, komplexes Ergebnis zu erzielen.

Was sind aus Deiner Sicht Attribute für gute Kunst?

Gute Kunst hat meistens eine niedrige Einstiegsschwelle und wirft bei näherer Betrachtung gleichzeitig komplexe Fragen auf. Oft ist sie auch humorvoll, denn Künstler die sich selbst nicht so wichtig nehmen, können besser beobachten und ihr künstlerisches Schaffen in Relation zur Gesellschaft setzen.

Wird man als Künstler geboren? Oder ist ein Kunststudium Pflicht?

Künstler wird man wenn man sich mit Kunst beschäftigt, den alltäglichen Material- und Dingsensationen etwas abgewinnen kann und irgendetwas aus einem heraus will. Dazu bedarf es keines Kunststudiums. Dennoch ist es langfristig wichtig über den eigenen Tellerrand hinauszublicken und das eigene Tun gesellschaftlich und kunsthistorisch einzuordnen. Da ist ein Kunststudium schon hilfreich. Hinterher braucht man allerdings noch einmal die gleiche Zeit um den theoretischen Ballast wieder einzudampfen und frei und spontan arbeiten zu können.

www.henrikjacob.wordpress.com

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