THE INTERVIEW IN|DEEDS: Grit Richter

Prolog

Grit, tun wir so, als hätten wir normale Zeiten und säßen jetzt beieinander. Wo sprechen wir zusammen? Wir sind in meinem Studio, das sich mitten in der Stadt in einem alten Gewerbehof befindet. Eine echte Perle, die gefunden zu haben ich sehr glücklich bin. Vor allem die zentrale Lage, der ruhige Hof und das gute Licht sind sensationell. Wie ist die Atmosphäre? Chaotisch, wenn ich eine Ausstellung vorbereite, ansonsten recht aufgeräumt. Vielleicht sitzen wir an Deinem Lieblingsplatz. An einem großen Schreibtisch und in einem gemütlichen Sessel. Woher kommst Du, wo bist Du wann geboren? Ich bin geboren und aufgewachsen in Dresden, 1977. Wo lebst und arbeitest Du derzeit? Ich lebe und arbeite seit 20 Jahren in Hamburg. Welche Stationen und Menschen haben Dich geprägt? Zu viele, um sie hier aufzuzählen. Welche Schriftsteller*innen und Bücher finden sich in Deinem Bücherregal? Mein Bücherregal war einmal recht üppig gefüllt, ich habe immer gern und viel gelesen. Definitiv eher Romane als Sach- und Fachbücher. Die Bücher sind weniger geworden, die Zeit dafür noch viel mehr. Ich bedaure das sehr und hoffe, dass die Muße zurückkehrt, wenn mein Sohn größer ist. Welche Bücher haben Dich beeinflusst oder geprägt? Sehr prägend in jungen Jahren waren die Klassiker: Simone de Beauvoir, Gertrude Stein, Fitzgerald, Hemingway usw. Ich lese immer noch wahnsinnig gerne und am liebsten – wenn ich die Zeit und Muße finde – gut und spannend erzählte Geschichten, z.B. Haruki Murakami, John Irving, T.C. Boyle, aber auch Siri Hustved fand ich teilweise hinreißend. Ich habe noch viel mehr fantastische Bücher und Schriftsteller gelesen, aber diese fallen mir auf Anhieb ein. Was liest Du aktuell und wo liegt das Buch griffbereit? Momentan versuche ich seit einem Jahr (hier bitte ein Affe hält sich die Augen zu Emoji vorstellen) den Distelfink von Donna Tart zu Ende zu lesen…liegt neben meinem Bett. Letzte mit großem Vergnügen zu Ende gelesene Fachlektüre war das Kunstforum Band 265. Welche Musik hörst Du und wann? Musik ist essentiell für mich, vor allem zum Arbeiten. Ich höre viel experimentelle elektronische Musik, vor allem Ambient, Drone, Avant Garde usw. Bevorzugt DJ-Sets, Podcasts und Radio Shows, Alben höre ich so gut wie gar nicht mehr. Die richtige Musik für spezielle Arbeitsschritte finde ich wirklich enorm wichtig, es hilft mir total, in den Flow zu kommen. Wenn Du etwas für uns kochen würdest, was wäre es? Ich würde definitiv etwas Mediterranes kochen. Ich liebe mediterranes Essen, vor allem italienisch! Was isst Du am liebsten? Mit einer guten Pasta kann man mich immer glücklich machen. Pasta kann ich wirklich täglich essen. Und was hältst Du vom Frühstücken?Frühstück: komplett überflüssig für mich. Weil: mediterraner Typ = spät essen, spät schlafen…ich brauche kein Frühstück, ich esse recht spät am Tag mein erstes Essen. Schwarzer Tee mit Sahne jedoch muss sein. Welchen Sport oder Ausgleich betreibst Du? Ich versuche, regelmäßig Yoga zu machen. Macht mich fit, glücklich und auch ein bisschen ausgeglichener. Hast Du besondere Leidenschaften (Hobbies), für die Du brennst? Habe das Glück, meine große Leidenschaft zum Beruf gemacht zu haben – also nein, ich habe keine Hobbies. Außer Mode vielleicht, ja, guter Style macht mir Spaß, aber alles low Budget und viel selfmade, wenn ich Zeit dafür finde. Hast Du ein Anliegen, das Du mit uns teilen möchtest oder ein Persönlichkeitsmerkmal, das Dich ausmacht, besondere Gedanken, einen Fetisch, typische Eigenarten? Nein.

DEEDS WORLD - Portrait Grit Richter 2019 - Foto Katja Ruge

Grit Richter, Foto Katja Ruge

Interview

Zu Beginn erzähle uns bitte in ein paar Sätzen Deine künstlerische Vita. Ich habe an der HfBK Dresden und HfBK Hamburg studiert und dort 2007 mein Diplom unter Norbert Schwontkowski gemacht. Seitdem lebe und arbeite ich als freie Künstlerin in Hamburg. Ich habe an zahlreichen Ausstellungen teilgenommen, Stipendien und Preise gewonnen, das mag jetzt glaub ich keiner hier alles aufgezählt lesen…

Meine Arbeit umfasst Malerei in Öl auf Leinwand, Mischtechniken aus mit Bleiche behandelten Stoffen und Malerei, Soft Sculptures aus Textil, Skulpturen aus Gips oder Beton, Fabric Drawings, Skulpturen aus Neon; Papierarbeiten in Mischtechnik; Objekte aus Holz,Acrylglas oder Bitumen; raumfüllende Wandmalereien sowie großformatige Collagen aus S/W-Kopien.

Zwei Sätze zu Deinem aktuellen Projekt bzw. der kommenden Ausstellung zum Gallery Weekend.

Meine kommende Ausstellung bei Tanja Wagner wird ‚Mixed Feelings‘ heißen; als ich den Titel im Winter festlegte, konnte ich nicht ahnen, welche neuen Kontexte und Relevanzen sich daraus ergeben würden. Die letzten Monate waren in jeder Hinsicht eine echte Herausforderung, aber auch ein Geschenk, aus dem heraus sich starke Ideen für neue Arbeiten entwickelt haben. Ich werde Gemälde zeigen, eine neue Gruppe Soft Sculptures – die ‚Fatigue Moms‘ – und eine Neonskulptur, die Räume der Galerie werden mit Wallpaintings und einem Grid aus Kupfertape überzogen.

Grit Richter, Studio View, 2020, Foto Judith Marthaler

Worüber machst Du Dir zurzeit am meisten Gedanken; was beschäftigt Dich? Ich habe mir, wie wohl alle, sehr viele Gedanken gemacht in den letzten Monaten, aber im Moment bin ich an einem Punkt, an dem ich gelernt habe, weitestgehend alles so zu nehmen, wie sie ist, und das beste daraus zu machen. Die Pandemie geht früher oder später vorüber, da bin ich mir sicher, und ich finde es erstaunlich, wie normal so vieles schon geworden ist, wie anpassungsfähig eine Gesellschaft ist. In all dem Wahnsinn ist auch viel Gutes gewachsen, mal sehen, was davon übrig bleibt. Sorge macht mir vor allem die Ignoranz, Begrenztheit und Dummheit von manchen Menschen. Ich wünsche mir so sehr, und es ist ein wirklich tiefes, kindliches Bedürfnis von mir, dass am Ende alles gut wird, aber ich habe doch schon sehr großes Bauchweh, wenn ich an die Zukunft denke, die unsere Kinder erwartet. Ich bin Optimist und glaube an die guten Dinge, den ‚guten Fortschritt‘, und es gibt Gottseidank soviele kluge, wunderbare Menschen, die so beharrlich und unermüdlich daran und dafür arbeiten. Ich hoffe sehr, dass wir es schaffen, die Vision einer solchen Zukunft aufrecht zu erhalten, auch und vor allem angesichts all des Wahnsinns, der uns umgibt.

Wie bist Du zur Kunst gekommen? Warum Kunst? Ich habe mich schon als Kind immer sehr für künstlerisches Arbeiten interessiert, das hat mich immer am meisten angesprochen. Ich habe dann mein Abi mit Leistungskurs Kunst gemacht und hatte das Glück, eine sehr prägende Lehrerin zu haben, Frau Krauß. Vielleicht war sie die ausschlaggebende Person für meine Entscheidung, Kunst studieren zu wollen. Es hat sich alles einfach so entwickelt, da gab es eigentlich nie einen Punkt an dem ich das bewußt entschieden habe. Ich habe dann die Aufnahmeprüfung an der Kunstakademie in Dresden gemacht und bestanden, und dann habe ich halt Kunst studiert. Ich habe das damals alles noch nicht so ernst genommen, ich war ja noch total jung, gerade mal zwanzig. Später bin ich nach Hamburg gegangen und habe dort weiterstudiert, da gab es dann aber auch ein paar Jahre, in denen ich eher andere Sachen gemacht habe, viel gejobbt und vor allem war ich als DJ sehr aktiv, habe viel aufgelegt und Parties veranstaltet und so. Erst mit Ende zwanzig wurde mir klar, dass ich das wirklich will, dass ich wirklich Kunst machen will und muss. Ich bin durch diese Erfahrung auch absolut der Meinung, dass man, wenn man Kunst studieren will, unbedingt vorher ein paar Jahre was anderes machen sollte, Erfahrungen sammeln, reifen. Erst dann hat man doch auch was zu sagen.

Warum Kunst? Weil es für mich nichts anderes gibt. Weil ich mich mithilfe von Kunst mit der Welt verbinden kann, die Dinge verstehen lerne. Es ist die schönste und herausforderndste Berufung der Welt, finde ich. Ich liebe auch einfach das konzentrierte Arbeiten allein in meinem Studio sehr, es entspricht total meinem Naturell, ich bediene vollkommen das Klischee des einsamen Künstlers in seinem Atelier. Voll mein Ding! Und was für ein Luxus, ständig neue Sachen ausprobieren zu können, es ist so aufregend! Aber es ist auch hart und schwierig natürlich, man braucht auf jeden Fall einen langen Atem und sollte mit Unsicherheiten gut umgehen können.

DEEDS WORLD - Studioshot Grit Richter mit Die innere Sicherheit

Studioshot Grit Richter mit “Die innere Sicherheit”, Foto Grit Richter

Was macht Dich aktuell glücklich? Was macht Dir aktuell Angst? Mein Sohn und meine Familie, gute Ideen, gute News. Immer wieder auch die Arbeit im Atelier. Sorge macht mir der Zustand der Welt, dass Menschen in Populisten und Autokraten Erlösung suchen, statt die Probleme ehrlich anzugehen. Und ja, der Klimawandel macht mir große Angst, vor allem wie die Menschheit und Gesellschaft mit den Herausforderungen umgehen wird. Aber wie gesagt, der Optimist in mir überwiegt.

Glaubst Du, dass Kunst eine gesellschaftliche Verantwortung trägt? Und was denkst Du, was sie bewirken kann? Meine Meinung nach muss Kunst gar nichts und darf so gut wie alles. Relevanz schält sich im besten Falle von selber heraus, denke ich. Kunst kann Menschen tief im Innersten berühren, auf eine einzigartige Weise. Das stelle ich immer wieder fest und das ist das wunderbare daran.

Was macht Deine Kunst aus? Worum geht es in Deinen Werken – was sind die zentralen Themen? In meiner künstlerischen Praxis interessiere ich mich für die Möglichkeiten der Darstellbarkeit von Emotionen, Erinnertem und Unbewußtem. Ob und wie kann ich diesen unscharfen Bereichen einen Ausdruck verleihen? Ich suche und entwerfe Bilder, die die Komplexität und Vielschichtigkeit von inneren Prozessen in eine komprimierte und reduzierte Bildsprache transformieren. Ich nutze dazu eine abstrakte Formensprache mit figurativen Verweisen und Elementen. Die abstrakten Formen werden in diesem Prozess zur Projektionsfläche und zu wesenhaften Platzhaltern für ‚emotions & relations‘.

DEEDS WORLD - Grit Richter und Galerie Tanja Wagner 2020

A Tiny Little Bit, 70×80, 2020, © Grit Richter und Galerie Tanja Wagner

Wie schützt Du Dich in der heutigen Zeit vor zu viel Inspiration? Es kann nie zuviel Inspiration geben! Zuviel Social Media durchaus. Tja. Ich versuche immer mal abzuschalten,  offline zu gehen, aber es fällt mir schwer, zugegebenermaßen. Am besten gelingt es mir in der Natur und mit verordneter Auszeit in der Familie, Urlaub vor dem Kamin und sowas.

Wie viel in Deinen Arbeiten ist vorher geplant – wie viel entsteht intuitiv? Die Essenz – der Entwurf und die Idee meiner Arbeiten – entsteht meist komplett intuitiv, eines greift ins andere. Die Umsetzung hingegen ist sehr durchdacht und geplant, auch weil die meisten meiner Arbeitsschritte wenig bis keine Korrekturen zulassen.

Was soll Deine Kunst beim Betrachter bewirken? Wenn meine Kunst in irgendeiner Form im Innersten berührt, ist alles erreicht. Das individuelle Erleben freilich ist dann unterschiedlich, wenngleich ich davon ausgehe, dass es so etwas wie ein kollektives Gedächtnis und Empfinden gibt.

Was sind Deine (nächsten) Ziele? Diese wilde Zeit überstehen und an ihr wachsen. Grundsätzlich: schön wäre es, etwas Bleibendes zu schaffen. Und meinen Sohn gut genug aufs Leben vorzubereiten und die Zeit mit ihm zu genießen.

Wie stehst Du zum Thema Glauben? Hast Du Glaubensgrundsätze oder gibt es einen Leitspruch?

– –

Welches Projekt würdest Du gerne noch realisieren, wenn fehlende Zeit, mangelnder Mut oder finanzielle Ressourcen keine Rolle spielen würden?

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Was sind aus Deiner Sicht Attribute für gute Kunst? Mein Kriterium: es muss mich berühren. Ich muss das nicht in Worte fassen, analysieren, bewerten können, aber es MUSS mich berühren, etwas mit mir machen, eine Erinnerung, eine Emotion, eine Ahnung, irgendetwas in mir auslösen. Das kann nur gute Kunst.

Wird man als Künstler*in geboren? Oder ist ein Kunststudium aus Deiner Sicht Pflicht? Niemand wird als Künstler geboren, oder anders gesagt: alle werden als Künstler geboren, der eine mehr, der andere weniger. Ein Studium halte ich nicht für Pflicht, aber es schadet auch nicht. Kommt auf die Lehrenden da. Auf jeden Fall finde ich, dass man keineswegs zu jung ein Kunststudium beginnen sollte, frühestens mit Mitte zwanzig, wenn man auch schon ein bißchen was zu sagen hat, ein wenig Erfahrung gesammelt hat. Absolut. Und dieses Bachelor/Master-Ding, das finde ich auch total falsch. Kunst, und vor allem Kunst LERNEN, braucht Zeit.

DEEDS WORLD - Studio View Grit Richter - Foto Grit Richter

© Grit Richter

Wem zeigst Du ein neues Werk zuerst? Meinem Freund, meinem Sohn, meiner Galeristin. Ist immer sehr aufregend.

Wie sieht die erste Stunde Deines Tages aus? Im besten Falle: Langsam und spät aufwachen, seeehr langsam. Niemand will etwas von mir, ich muss nicht reden, ich kann im Bett rumdösen, mir einen Tee machen und ewig die News checken. Reality: Wecker klingelt viel zu früh, ich hasse und verfluche ihn, quäle mich dennoch hoch und mache mich binnen erstaunlich kurzer Zeit fertig, um meinen Sohn zur Schule zu bringen. Mein Freund ist glücklicherweise schon meist vor mir auf, es fällt ihm irgendwie leichter. Ich bin definitiv der immer-auf-den-letzten-Drücker-Kommer Typ.

Sind im Zeitalter des Internets der Dinge Galerien (aus Deiner Sicht) noch notwendig? Wenn ja, warum und wofür? Ja, definitiv, weil eine gute Galeriearbeit massiv unterschätzt wird! Und: Das Internet kann zwar Inspiration sein, anregen, teasen, aber es kann definitiv nicht das physische Erleben von Kunst ersetzen!

Social-Media – aus Deiner Sicht Segen oder Fluch? Ein Segen. Ach, ein Fluch. Ein Segen.

Epilog

Die Ausstellung Mixed Feelings mit neuen Werken von Grit Richter ist vom 11. September bis 31. Oktober 2020 in der Galerie Tanja Wagner, Pohlstraße 64, 10785 Berlin-Tiergarten zu sehen. Sonderöffnungszeiten zum Gallery Weekend: 09.09.–10.09. 10–19 Uhr, 11.09. 10–21 Uhr, 12.09. 10–19 Uhr.

Instagram: @true___grit

www.facebook.com/grit.richter.5

www.gritrichter.com


In Zeiten von Corona, in denen Reisen, Atelierbesuche und persönliche Kontakte unangebracht oder sogar unmöglich sind, bleibt das schriftliche Interview ein wichtiges Medium, um Künstlerpersönlichkeiten vorzustellen, um ihre Botschaften zu verbreiten und um mit Kunstliebhabern in Kontakt zu bleiben.

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