THE INTERVIEW IN|DEEDS: Gregor Hiltner

Gregor Hiltner  (*1950 in Nürnberg als Franz-Peter Hiltner) studierte 1970–1978 an der Akademie der Bildenden Künste München bei Karl Fred Dahmen sowie an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg als Meisterschüler bei Ernst Weil. Seinen Ruf- und Künstlernamen Gregor Hiltner erwarb er sich während des Studiums als er Nürnbergs älteste Künstlerkneipe „Gregor Samsa“ gründete, benannt nach der Hauptfigur in Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“. Studienreisen führten Hiltner u.a. 1975–1976 zu einem vierzehnmonatigen Aufenthalt in den Nahen Osten (Syrien, Jordanien, Israel), 1979 für sechs Monate nach Polynesien und Mikronesien, 1980/81 mit einem Stipendium des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) nach London, 1983 nach Brasilien, sowie in die Toskana, nach Kanada und in die USA. Neben großformatigen Werken des Abstrahismus schuf er auch Großkunstwerke, wie 1990 zwei je ca. 750m² große Mosaikportraits als Anamorphosen von Walter Rathenau und Theodor Herzl im Nürnberger U-Bahnhof Rathenauplatz oder 1996 das längste Bild Deutschlands (220 × 2 Meter) in der EuromedClinic, Fürth, mit 400 m² begehbarer Fläche. Seine Werke wurden bisher in über 100 Einzelausstellungen u.a. in New York, Chicago, Montreal, Paris, London, Glasgow, Amsterdam, Berlin, Hamburg, Köln, München und Stuttgart gezeigt. Gregor Hiltner ist als Kurator und Künstler tätig. Er lebt und arbeitet in Berlin.

Herr Hiltner, die von Ihnen kuratierte Ausstellung „The New Abstract – An Atlantic Bridge – USA – BERLIN“ zeigt zum einen, dass abstrakte Malerei nach wie vor eine ungebrochene Faszination auf den Betrachter ausübt, zum anderen trägt sie im Titel das bezeichnende Wort „neu“. Was empfinden Sie als Kurator als das Neue an der abstrakten Malerei der hier gezeigten Künstler?

  1. Dass so viele Maler sich auf beiden Seiten des Atlantiks wieder intensiv der Abstrakten Malerei widmen, ist an sich schon neu, denn es sind ja nicht nur die hier vorgestellten, ich könnte sofort 20-30 weitere nennen.
  2. Fragmentieren und Neu-Zusammensetzen ist heute eine beliebte Computertechnik, Copy and Paste genannt. Dieses Prinzip hat nicht nur in der narrativen und gegenständlichen Malerei wild um sich gegriffen, sondern ist jetzt auch in der Abstrakten Malerei angekommen; das ist auch neu.
  3. Heutzutage haben sich Künstler dies und jenseits des Atlantiks über Instagram ständig im Blick, was zwangsläufig zu gegenseitigen Einflüssen führt. So intensiv und in Echtzeit über so große Entfernung gab es das noch nie. Waren bei Braque, Gris, und Picasso die Ateliers noch in der unmittelbaren Nachbarschaft des gleichen Stadtviertels, was wechselseitige Einflüsse begünstigte, (man denke nur an die Entwicklung des Kubismus), so können heute Kontinente dazwischen liegen. Auch das ist neu!

Können Sie uns etwas mehr über diesen Auswahlprozess erzählen? Ist das „Auf die Künstler zugehen“ etwas anderes, wenn man sie digital auf Instagram entdeckt, als wenn man sie analog über Kataloge oder Magazine findet? Oder konkreter: Wie bestimmt das Medium des Entdeckens und der modernen Kommunikationswege das Verhältnis Kurator – Künstler und die Entwicklung des Ausstellungskonzepts an sich?

Fast alle Künstler kennen sich zunächst über Instagram und später auch über persönliches Aufeinandertreffen bei ihren Einzelausstellungen rund um den Globus. Ohne Instagram hätte ich die meisten Künstler nie kennengelernt und mir wäre gar nicht aufgefallen, wie viele Maler sich wieder dem Abstrakten widmen. Es fühlt sich an, als wären wir Teil einer Bewegung und darum ist eine gemeinsame Ausstellung mit mir und allen Teilnehmern geradezu selbstverständlich.

DEEDS WORLD - Gregor Hiltner - Kuenstler und Kurator

Gregor Hiltner, Künstler und Kurator

Bedeutet das, dass Ausstellungen heutzutage anders entstehen und daher vielleicht auch anders wirken als früher, im analogen Zeitalter?

Man kann viel leichter aus einem größeren Pool schöpfen und sich international vernetzen.

Kann es passieren, dass Sie ein Bild auf Instagram beeindruckt, aber beim analogen Betrachten der ursprünglich empfundene Effekt ausbleibt?

Ich habe mir bereits seit Schüler- und Studentenzeiten Bilder von Zeitgenossen gekauft. Niemals aber hätte ich etwas erstanden, ohne es unmittelbar vor Augen zu haben, man darf ja auch nicht vergessen, dass der Akt des Kaufens auf seine Weise ein archaischer Akt des Genusses ist. Früher waren es Kunstmagazine und Kataloge, aus denen man wählen konnte, heute sind es Webseiten und eben Instagram. Früher wie heute aber gilt: Ein wirklich gutes Bild verliert meist über die Reproduktion oder Webpräsentation, während ein schlechtes dabei gewinnt. Allein die Filterbearbeitungen der Fotos können den ersten Eindruck aufhübschen. Die Königsdisziplin der Malerei aber, die Komposition, ist nicht leicht zu faken, der Maler kann komponieren oder er kann es nicht, das geschulte Auge wird das schnell erkennen, im Katalog genau wie bei einer Abbildung auf Instagram. 

Welche Relevanz hat diese Ausstellung für die heutige Zeit?

Ich sehe diese Ausstellung im Geiste von „A New Spirit in Painting“, eine Ausstellung, die es 1981 in der Royal Academy in London gab. Es ging damals um eine Weiterführung bzw. Neubearbeitung der Expressionistischen Malerei. Nun geht es um „A New Spirit in Abstract Painting“. Natürlich ist hier nur eine im Verhältnis kleine Ausstellung möglich, der Gotische Saal der Galerie Kremers ist ja kein Museum, sondern eine Galerie, ich könnte diese Ausstellung aber sofort mit 30 weiteren Namen erweitern. Eins jedenfalls ist offensichtlich: Die Abstrakte Malerei entwickelt sich hüben wie drüben außerordentlich lebendig und so experimentell, dass ich begeistert bin.

DEEDS-WORLD---Courtesy-Galerie-Kremers---Gregor-Hiltner

Gregor Hiltner, Le Grand Macabre, 2019, 280 x 190 cm, oil and acrylic on canvas

Wenn die Antwort eines französischen Kochs auf die Frage nach den drei geheimen Zutaten für den Erfolg seiner Landesküche lautet: Butter, Butter und nochmal Butter, würde Gregor Hiltner das Geheimnis der Zutaten für gute Abstrakte Malerei wohl in Komposition, Komposition und nochmal Komposition sehen. Was bedeutet für Sie als Künstler, also als Fachmann, die Komposition eines Werkes? Ist diese Komposition etwas, das alle Menschen beim Betrachten instinktiv ähnlich empfinden, oder braucht es ein geschultes Auge, um sie zu erkennen und zu würdigen?

Die Komposition ist, wie schon erwähnt, die Königsdisziplin des Malers. Jenseits von Maltechnik entscheidet sie über die Qualität des Kunstwerks, bzw. des Künstlers. Kompositionen sind hochkomplexe Systeme, die ich beschreiben und erklären könnte, nicht aber im Rahmen eines Interviews. Grundsätzlich gilt: Jede Kunst, sei es Tanzen, Malen, Schreiben, Musik, die darstellende Kunst, sogar das Schachspiel oder die Kampfkunst, verlangt, um sie wirklich verstehen und um sie genießen zu können, eine intensive Beschäftigung des Rezipienten; das ist eigentlich nichts Neues und gilt selbstverständlich auch für die Komposition eines Malers.

Es ist bekannt, dass die Abstrakte Malerei Ihr erklärtes Lieblingsgenre ist. Haben Sie bei der Auseinandersetzung mit den Exponaten dieser Ausstellung und vielleicht auch den dahinter stehenden Geschichten etwas gelernt oder erfahren, was Ihnen in der Dimension nicht klar war und Sie deshalb überrascht hat?

Im besten Fall lernen wir dazu, bis wir in der Kiste liegen. Immer wieder entdecke ich alte Maler neu, lerne sie ganz anders schätzen, und lasse mich durch ihre Raffinesse verblüffen, aber ich suche eben auch die jungen, die sich frech und hochtalentiert auf den Weg machen, um alle Vorgänger das Fürchten zu lehren. Natürlich ist das Neue oft nur durch das Vergessen des Alten zu erklären und „All Novelty is but Oblivion“ wie es Francis Bacon ausdrückte, aber jede Zeit verarbeitet das Vorangegangene auf ihre neue Weise. Die Vitalität, mit der auf dem Feld der Abstrakten Malerei versucht wird, die Grenzen möglicher Kompositionen auszutesten, begeistert mich. Nehmen wir z.B. Taylor A. White, er war ja letztes Jahr zwei Monate zu einer Residency in den Atelierräumen der Galerie Kremers zu Gast und ich habe erlebt, wie fanatisch, aber ernsthaft er das Tafelbild auch physisch dekonstruiert, eventuell bis zu völliger Zerstörung. Nichts ist ihm heilig. Kein Material tabu. Aber immer hat er die extreme, am Ende klare Komposition im Blick und beim gelegentlichen Scheitern hinterlässt er einen gewaltigen Müllberg.

Falls Sie das überhaupt so definieren können: Welches ist Ihr persönlicher Favorit in der Ausstellung?

Kann ich so nicht sagen, ich hab` ja jeden Künstler wegen seiner ganz eigenen Herangehensweise gewählt und hätte auch niemals einen eingeladen, dessen präsentierte Arbeit mir nicht gefiele.

Was halten Sie von der These, dass “EIN KURATOR (IST) HEUTE FAKTISCH IMMER AUCH KUNSTMANAGER” ist?

Manager können nur die sein, die ein großes Publikum haben, die große Häuser bespielen, die Einfluss haben, also nicht ich. Ich mach sowas nur, weil mir manche Themen unter den Nägeln brennen und wenn ich zudem die Gelegenheit bekomme, eine Schau zu realisieren, wie zum Beispiel die VOODOO-Ausstellung vor einem Jahr, bleibt das Leben spannend.

Haben Sie – zusätzlich zu dem Besuch Ihrer Ausstellung – einen Tipp für Menschen, die bisher wenig Zugang zu abstrakter Malerei hatten, wie man sich dem Thema nähern kann, um mehr darüber zu erfahren und dieses Genre schätzen zu lernen?

Abstrakte Malerei ist ein riesen Thema, mit dem man viele Seminare füllen könnte. Abstrakte Malerei ist offener als realistischere Genres. Unser unterbewusstes Ich sucht ständig nach Codes und Hinweisen, das Abstrakte zu deuten. Diese Codes haben viel mit dem Rezipienten selbst zu tun und so tauchen wir beim Betrachten tief in uns selbst ein. Abstrakte Malerei ist für mich eine wunderbare Metapher für die Unverständlichkeit unseres Seins; wir werden sie nie restlos entschlüsseln.

„The New Abstract – An Atlantic Bridge – USA – BERLIN“

Ausstellungsdaten: 04.05. – 14.07.19, Vernissage am 03.05.19 von 19 – 21 Uhr, Preview auch während des gesamten Gallery Weekends

WO? GALERIE KREMERS, Schmiedehof 17, 10965 Berlin, info@galerie-kremers.de, www.galerie-kremers.de

WANN? Mo – Fr von 11 – 18 Uhr u. n. Vereinbarung

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.