THE INTERVIEW IN|DEEDS: Ferdinand Facklam in 360°

Der Schweizer Künstler und Architekt Ferdinand Facklam ist ausgebildeter Hochbauzeichner und sammelte als solcher bei Herzog & de Meuron und später als Architekt in diversen Büros wertvolle Erfahrungen. Als Fachhörer bei Prof. Rüegg und Prof. Kollhoff an der ETH Zürich vertiefte er diese Kenntnisse. Hierauf aufbauend erlangte Facklam den Master of Advanced Studies in CAAD an der ETH Zürich bei Prof. Dr. Hovestadt. Im August 2019 zeigte Ferdinand Facklam seine erste Solo-Ausstellung in Berlin, wo er derzeit auch lebt und arbeitet.

ART at Berlin - Portrait Ferdinand Facklam - Foto Christian Manthey Photography

Ferdinand, zu Beginn bitte zwei Sätze zu Deiner Vita mit Infos, die uns das Internet bisher vorenthält. Woher kommst Du, welche Stationen haben Dich geprägt?

Geboren wurde ich am 13. März 1969 in Basel (Schweiz). Ich bin sehr dankbar, dass ich als junger Bauzeichner bei Herzog & de Meuron arbeiten durfte. Beruflich war es vermutlich die prägendste Phase meines Lebens. In dieser Zeit wurde mein Herzblut für Architektur und Kunst gefördert. Erst viel später gab mir das Aufbaustudium bei Prof. Dr. Ludger Hovestadt am Lehrstuhl für CAAD an der ETH Zürich einen weiteren wichtigen Baustein für mein jetziges Arbeiten. Bei beiden Stationen wurde mir die Selbstverständlichkeit vermittelt, dass im kreativen Bereich alles möglich sein kann.

Gestatte uns eine etwas schräge Frage. Wer war zuerst da, der Architekt Ferdinand Facklam oder der Künstler? Oder mit anderen Worten: Wie bist Du zur Kunst gekommen – warum Kunst?

Das verlief die ganze Zeit parallel. Aufgewachsen bin ich in der Kunst- und Kulturstadt Basel. In meiner Kindheit las mir mein Großvater Biografien von bekannten Künstlern vor. Die vielen tollen Museen und Ausstellungen sowie die Kunstmesse Art Basel haben mich stets begeistert und waren ein Teil meines Lebens. Zuerst war ich Bauzeichner und später habe ich als Architekt beruflich Erfahrung gesammelt, die jedoch viel von Frustration geprägt war, da Kreativität und Ästhetik leider oft nicht wertgeschätzt wurden. Zur Kunst bin ich über die Teilnahme an einem Kunstwettbewerb in Basel gekommen. Mein Projekt löste viele positive Reaktionen aus, die mich motivierten damit weiterzumachen.

Was macht Deine Kunst aus und was sind die zentralen Themen? Bitte teile die Intention Deiner Kunst mit uns.

Mit meiner Kunst möchte ich die Schönheit und Werte der Natur dem Menschen näher bringen. Oft verwende ich architektonische Elemente, wie Form, Licht und Material. Mich interessiert die Gegenüberstellung von natürlichen und künstlichen Phänomenen.
Den Anstoß hierzu gab mir meine Kurzgeschichte „Formen lernen Leben“, die ich am Lehrstuhl bei Prof. Dr. Ludger Hovestadt geschrieben habe.

Deine Kunstwerke sind meist groß und raumgreifend. Wir können uns vorstellen, dass die eigentliche Wirkung sich erst dann entfaltet, wenn das Kunstwerk im öffentlichen Raum gebaut oder am Ort der Bestimmung aufgestellt wurde. Wie gelingt es Dir, die Wirkung im Vorfeld einzuschätzen und ist das Ergebnis immer so, wie Du es vorher am Rechner oder Zeichenpult konzipiert hast – also wie es von Dir geplant war?

Im Vorfeld versuche ich zwar durch Modellierung verschiedener Varianten herauszufinden, wie sich die von mir angefachte Wirkung am besten erzielen lässt, das genaue Ergebnis kann ich jedoch nicht vorausplanen. Beim Palmen Generator in Spanien zum Beispiel hat mich nach der Umsetzung besonders beeindruckt, wie das Geländer, Licht und Natur in Einklang zueinander stehen. Im Video ist gut erkennbar, wie sich die Palmenblätter während der Nachmittagssonne in fließenden Intervallen am Boden reflektieren.
Beim Moos-Wandbild für die Ausstellung hat mich die Dreidimensionalität und der Glanz der Blätter überrascht. Die Malerei erzeugte beim Betrachter ein Wechsel von Gefühlen und Wahrnehmungen, ganz anders als es durch Computersimulationen möglich war.

ART-at-Berlin---Ferdinand-Facklam_Fotografie-Ulrich-Stockhaus

© Ferdinand Facklam, Foto Ulrich Stockhaus

Worüber machst du zurzeit am meisten Gedanken; was beschäftigt Dich?

Das hat nicht unbedingt mit Kunst zu tun. Die Stadt Berlin und der rasante Wirtschaftsaufschwung, die sozialen Probleme der Bevölkerung und das Schwinden von öffentlichem und kreativem Raum beschäftigen mich sehr.
Ich würde mir ein Umdenken und mehr Demut in Wirtschaft und Politik wünschen.

Wie schützt Du Dich in der heutigen Zeit vor zu viel Inspiration, Eindrücken, Botschaften – vor dem Verlust des Fokus?

Es stimmt, heute ist es nicht einfach den Fokus auf ein Thema zu behalten.
Besonders das Internet bietet heute mannigfaltige Inspirationen.
Ich bekomme meine Ruhe und Gelassenheit in der Natur oder beim Yoga.

Was macht Dich aktuell glücklich? Was macht Dir aktuell Angst?

In Berlin fühle ich mich endlich angekommen. Ich habe mich sehr darüber gefreut, mit einer Ausstellung meine Arbeiten präsentieren zu dürfen.
Glücklich macht mich ein respektvoller und liebenswürdiger Umgang mit meinen Mitmenschen. Angst macht mir, dass im sozialen, klimatischen und wirtschaftlichen Bereich das Gefüge aus dem Gleichgewicht geraten ist. Zudem mache ich mir Gedanken über die Familienpolitik und warum sich viele Paare scheiden lassen.

Wie beurteilst Du die derzeitige Entwicklung des Kunstmarktes?

Diese Frage können Ihnen  Galerist*innen mit Sicherheit besser beantworten.
Mein Eindruck ist, dass der Kunstmarkt auch ein Spiegel unserer globalen wirtschaftlichen Entwicklung ist. In die Werke renommierter Künstler und Künstlerinnen werden hohe Summen investiert, während der größte Teil der  jungen Künstler und Künstlerinnen durch den Verkauf ihrer Arbeiten nicht überleben können.

Zwei Sätze zu Deinem nächsten Projekt, das Du nach Deiner ersten Kunstausstellung in der Berliner Galerie erstererster angehen willst. Wie bist Du überhaupt zufrieden mit dieser Ausstellung, was hat sie angestoßen?

Die Ausstellung war für mich ein voller Erfolg und eine wundervolle Zeit.
Die Zusammenarbeit mit sämtlichen Beteiligten habe ich sehr genossen und war sehr lehrreich.
Über mein nächstes Projekt möchte ich nicht zu viel verraten. Ich werde versuchen, Malerei und Plastik in einem Kunstprojekt zu verschmelzen.

ART at Berlin - Ferdinand Facklam - Urban Codes of Nature - Foto Martin Tervoort 1

Ausstellung “Urban Codes of Nature” von Ferdinand Facklam,
Galerie erstererster, Berlin-Prenzlauer Berg im August 2019, Foto: Martin Tervoort

Und was sind Deine nächsten Ziele?

Mein nächstes Ziel ist es, einen Prototyp vom Lichtbaum zu produzieren. Außerdem habe ich eine genaue Vorstellung von einem neuen, anspruchsvollen Projekt.

Wie viel in Deinen Arbeiten ist vorher geplant – wie viel entsteht intuitiv?

Bei der Umsetzung versuche ich, so viel wie möglich im Voraus zu planen, um den laufenden Prozess besser zu organisieren. Bei der Suche nach der Idee sind die meisten Entscheidungen intuitiv und selten habe ich eine klare Begründung, warum ich diese Auswahl gefällt habe.

Glaubst Du, dass Kunst eine gesellschaftliche Verantwortung trägt? Und was glaubst Du, was sie bewirken kann?

Kunst im öffentlichen Raum kann die Menschen inspirieren und verbinden, zu Diskussionen anregen und die Aufenthaltsqualität steigern. Dabei denke ich besonders an kalte „Nicht-Orte”: Einkaufszentren, betonierte Vorplätze oder Straßenräume. Städtische Situationen, die meist in keiner Relation zum Umfeld oder zum menschlichen Maßstab stehen, keine eigene Identität haben und dem Menschen gegenüber abweisend sind. Durch künstlerische Aufwertung kann man den Menschen wieder viel zurückgeben, die Gesellschaft einbeziehen und damit die Identifikation stärken.

Ist im Zeitalter des Internets der Dinge eine Galerie (aus Deiner Sicht) noch notwendig? Wenn ja, wofür?

Ganz bestimmt, es braucht Orte, wo sich die Künstler und Künstlerinnen präsentieren können. Das Internet hilft einzig ein virtuelles Archiv aufzubauen und die Informationen zu sammeln. Es fehlt die Begegnung mit den Menschen und der Dialog, der auch sehr fordernd sein kann.

Hast Du ein Glaubensbekenntnis – wenn ja, wie lautet es?

Dankbarkeit, Demut, Toleranz, Wertschätzung, Respekt, Empathie und Ethik sind einige Bestandteile, an denen ich in meinem Leben festhalten möchte.
Ich wünsche mir, dass die Menschen miteinander liebevoller und wohlwollender umgehen und, dass sie versuchen, zu verzeihen und gegenüber anderen Religion und Glaubensbekenntnissen offen sind.

Bei all Deinen Arbeiten und Themen, die Du bedienst – welches ist das Wichtigste?

Der Mensch als Betrachter mit seiner Wahrnehmung steht im Vordergrund.
Es soll eine Verbesserung und Bereicherung für den Ort werden.

Wie entsteht die Idee zu einem Kunstwerk?

Meist spontan und intuitiv.

Was soll Deine Kunst bei Deinem Publikum bewirken?

Während der Ausstellung Urban Codes of Nature war ich die ganze Zeit vor Ort und habe die Gespräche und Reaktionen vom Publikum mitverfolgt. Rückblickend war es eine sehr fruchtbare und wichtige Zeit für mich.
Meine Arbeiten sollen für die Menschen zugänglich sein, Emotionen auslösen und zu Diskussionen anregen oder sogar polarisieren. Eine Begegnung, die mir in Erinnerung geblieben ist und genau das beschreibt, was ich mir wünsche:
Eine Besucherin der Ausstellung erzählte, dass das Moos-Wandbild bei ihr ähnliche Reaktionen und Emotionen ausgelöst hatte wie ein Ausflug in der Natur selbst. Sie fand, dass ich einen Teil der Natur in die Stadt zurückgeholt hätte.

ART at Berlin - Ferdinand Facklam - Urban Codes of Nature - Foto Martin Tervoort 2

Ferdinand Facklam, Wandarbeit (Detail) in der Ausstellung “Urban Codes of Nature”

In welcher Weise hat sich Deine Kunst über die Jahre verändert – und was waren die Auslöser?

Meine Arbeiten wurden zugänglicher, weil ich durch die Zeit milder geworden bin. Früher haben mich sehr die Werke von Bruce Nauman, Georg Baselitz, Jake und Dinos Chapman, Cindy Sherman und Rebecca Horn begeistert. Oft hat mich in meinem Leben die Provokation begleitet. Unterdessen habe ich es geschafft, zu unterscheiden und ich bin bestimmt für meine Mitmenschen etwas angenehmer geworden.

Wie weit würdest Du gehen? Gibt es Tabus?

Es gibt viele Tabus. Ein großer Wert bin ich selbst. Ich möchte etwas tun, was meiner Umgebung und mir persönlich gut tut.

Welches Projekt würdest Du gerne realisieren?

Meistens das aktuelle, es steht im Vordergrund. Ich freue mich auf die Umsetzung des Lichtbaums.

Interessiert Dich, was Sammler mit Deinen Arbeiten anstellen?

Meine Arbeiten sind für den öffentlichen Raum gedacht. Meine Angst ist eher, dass die Kunst nicht gewartet oder im schlimmsten Fall zerstört wird.

Was sind aus Deiner Sicht Attribute für gute Kunst?

Gute Kunst oder Architektur setzt sich intensiv mit einer Thematik auseinander, ist zeitgenössisch und vermittelt eine Botschaft. Das Werk wird fundiert mit dem passenden Handwerk umgesetzt. Kunst muss mich begeistern, herausfordern, inspirieren und zum Nachdenken anregen.Was war für Dich die größte Herausforderung?
Für mich ist die größte Herausforderung des Lebens aus einem privaten oder beruflichen Tief herauszufinden. Um eine gute Life-Work-Balance wiederherzustellen, braucht es viel Kraft.

Hörst Du Musik beim Arbeiten? Wenn ja, welche?

Generell höre ich gerne und viel Musik, zurzeit zum Beispiel von Max Richter, Johann Johansson oder Nils Frahm. Bei der Arbeit höre ich jedoch selten Musik, da ich sehr konzentriert bin.

Welcher Schriftsteller und welche Bücher haben Dich am meisten beeinflusst?

Die Kunsteditionen vom Parkett Verlag haben mich lange Jahre sehr beeinflusst. Sie sind stets aktuell und geben einen guten Einblick in die zeitgenössische Kunst.

Gibt es einen Künstler oder ein Kunstwerk in Deinem Leben, der/das Dich nachhaltig beeinflusst?

Ich möchte lieber einige besondere Kunsterlebnisse hervorheben, die mich nachhaltig beeinflusst haben. Das Kulturspektakel Bimbo Town im Jahr 1994 in der damaligen Stückfärberei Basel mit dem Künstler Jim Whiting. Die mechanischen Installationen standen im ständigen Kontakt zum Publikum und waren in stetiger Bewegung.
Die Lichtinstallation von James Turrell im Kunsthaus Bregenz. Ein wunderbares Beispiel, wie Kunst und Architektur eine Symbiose eingehen können.
Sehr eindrücklich war auch der Besuch im Kunstparadies Inhotim in der Nähe von Belo Horizonte. Ein riesiger angelegter Park mit Objekten der namhaftesten zeitgenössischen Künstler.

Wird man als Künstler geboren? Oder ist ein Kunststudium Pflicht?

Da ich kein Kunststudium abgeschlossen habe, ist das eine schwierige Frage.
Mein Arbeiten sind interdisziplinär und einem stetigen Lernprozess ausgesetzt. Das Wandbild zur Ausstellung Urban Codes of Nature habe ich mit dem Kunstmaler Norbert Schimpf umgesetzt. Er hat mich fachlich ergänzt und unterstützt. In der Programmierung und Herstellung der Schablone stand mir Marina Konstantatou bei. Wir agieren als Team.

Wem zeigst Du als ersten ein neues Werk?

Als Erstes meinen engsten Freunden und meiner Freundin. Da mein Handeln meist intuitiv passiert, entscheide ich, ob es ein Potenzial zur Weiterbearbeitung hat. Nach dieser Phase geht es einen Schritt weiter und ich zeige das neue Werk Künstlern oder Architekten, deren kreative Arbeit ich sehr wertschätze.

Hat Berlin einen Einfluss auf Deine Kunst? Wenn ja, welchen?

Berlin hat in der Metaebene einen ganz wichtigen Einfluss. Für mich ist, obwohl sich Berlin in den letzten Jahren stark verändert hat, eine sehr liebeswerte und wohlwollende Stadt. Diese Umgebung motiviert mich tagtäglich und gibt mir das Gefühl, mich frei zu fühlen. Seit ich in Berlin tätig bin, habe ich sehr viel interessante Menschen kennengelernt, die mich positiv beeinflusst und in meinem Handeln gestärkt haben.

Wo kann man in Berlin am besten 1.) frühstücken, 2.) trinken, 3.) Feste feiern?

Für das Vergnügen bietet Berlin viele Möglichkeiten. In der Zwischenzeit liebe ich es selbst zu Kochen. Hervorheben möchte ich die Küche von der Kantine Chipperfield oder die Weinbar Otto Rink und natürlich die leckeren Brötchen bei Krümel.

Wie sieht die erste Stunde Deines Tages aus?

Ich liebe es, frei in den Tag zu starten. Darum sieht bei mir die erste Stunde am Tag immer anders aus.

www.ferdinandfacklam.com/de

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