– = + | Ideen für ein Umdenken | Kasseler Kunstverein | 25.07.–18.10.2020

Ein Virus legt die Wirtschaft lahm: Hilfspakete, Mehrwertsteuersenkung, Abwrackprämien, der Staat als Großaktionär – alles kommt auf den Prüfstand, um die Konsumgesellschaft in Schwung zu bringen. Aber ist es überhaupt sinnvoll und richtig, die Wirtschaft nach der Bewältigung der Pandemie in allen Bereichen wieder vollständig hochzufahren? Befindet sich das „Raumschiff Erde“ (Buckminster Fuller 1968) nicht längst auf einem bedrohlichen Kollisionskurs? Die planetarischen Grenzen des Wachstums sind überschritten und ökologische Probleme wie der Klimawandel und das Artensterben sind die großen Herausforderungen der Gegenwart. Wäre da nicht jetzt ein günstiger Zeitpunkt, die Wachstumskritik verstärkt in das öffentliche Bewusstsein zu rufen und aus dem alten Credo „less is more“ mehr zu machen als einen ästhetischen Lifestyle der Bessergestellten? Lässt sich in der Kunst eine Sprache für ein Umdenken entwickeln?

DEEDS WORLD - Courtesy of Kasseler Kunstverein - Minus gleich Plus

Teilnehmende Künstler*innen

25.07. – 18.10.
Sarah Metz / Janosch Feiertag
Think different, think Oberflächenveredelung.

25.07.- 16.08.
Helena Schätzle / Sudharak Olwe

22.08. – 06.09.
Echo Can Luo / martinafischer13

12.09. – 27.09.
Lisa Dreykluft / Holger Jenss

03.10. – 18.10.
Romina Abate / Mike Huntemann

Der Kasseler Kunstverein bietet mit „- = + “ eine Plattform für die Präsentation und Diskussion gesellschaftskritischer Positionen. Das Konzept setzt dabei auf die Zusammenarbeit mit Künstler*innen der Region. Denn es sind gerade lokale Strukturen, die weniger Ressourcen verbrauchen und ein nachhaltigeres Wirtschaften ermöglichen. Architektonisch wird die Idee „- = +“ in einer Raum-im-Raum Situation abgebildet, die vorhandene Materialien nutzt und die Ausstellungsfläche verkleinert: Mehrwert durch Reduktion – der Raum als Übungsgelände und Schau-Platz der Postwachstumsästhetik.

In Zusammenarbeit mit dem Kulturdezernat der Stadt Kassel kommt in dieser Ausstellung zum ersten Mal ein neuer städtischer Fördertopf zum Tragen. Mit ihm werden Honorare für Künstler*innen finanziert, die in Kassel ausstellen. Damit möchte die Stadt im Sinne der „Kulturkonzeption Kassel 2030“ einen Beitrag zu einer faireren Entlohnung im Kulturbereich leisten. Die Honorare dienen entsprechend nicht der Finanzierung anfallender Ausstellungskosten, sondern werden vollumfänglich an die jeweiligen Künstler*innen weitergeleitet. „Eine großartige Unterstützung für die Kasseler Kunst- und Kulturszene und deren Engagement für ein innovatives Kassel“, freut sich der Vorstand des Kassler Kunstvereins.

Kulturdezernentin Susanne Völker beschrieb die Motive, die im Rahmen der gemeinsamen Entwicklung der Kulturkonzeption Kassel 2030 zur neuen Förderung im Bereich der Künstlerhonorare geführt haben: „Bei Konzerten, Theateraufführungen und Lesungen ist es in der Regel selbstverständlich, dass an die beteiligten Künstlerinnen und Künstler Honorare gezahlt werden. Im Bereich der Bildenden Kunst ist das leider noch immer nicht der Fall. Das möchten wir nun auf kommunaler Ebene ändern. Ich freue mich deshalb, dass die erste Ausstellung, die in Kassel aus diesen Mitteln gefördert wird, „Ideen für ein Umdenken“ im Kunstverein präsentiert.“

Helena Schätzle / Sudharak Olwe

Die Fotografie ermöglicht Helena Schätzle (*1983), von der Welt zu lernen, Blickwinkel einzunehmen
und sich in Situationen zu begeben, die den meisten Menschen verborgen bleiben. Fotografie ist
für sie der Versuch dazu beizutragen, dieselben Rechte universell für alle Menschen umzusetzen.
Seit Jahren unternimmt sie dafür ausgedehnte Reisen in verschiedene Länder, wo sie über längere
Zeiträume hinweg lebt und intensiv an sozial kritischen Themen arbeitet. Helena Schätzles Arbeiten
werden international ausgestellt und wurden vielfach ausgezeichnet.

DEEDS WORLD - Courtesy of Kasseler Kunstverein - Schaetzle_Olwe - 1

Helena Schätzle / Sudharak Olwe

Sudharak Olwe ist seit 1988 Fotojournalist in Mumbai und hat als Pressefotograf bei einigen der
führenden Zeitungen Indiens gearbeitet. Sudharak bereiste ganz Indien und dokumentierte dabei
unglaubliche Geschichten von Not, Widerstand Veränderung. Sein Augenmerk gilt der marginalisierten Bevölkerung, die er versucht würdevoll zu begleiten, um ihnen eine repräsentative Plattform zu bieten. Dafür arbeitet er viel mit Menschenrechtsorganisationen zusammen. Sudharaks Arbeiten wurden national und international ausgestellt und er erhielt mehrere Preise, unter anderem wurde er 2016 vom indischen Präsidenten mit dem Padma Shri, Indiens vierthöchstem Zivilpreis, ausgezeichnet. Sudharaks Fotografie ist die der Empathie. Es ist eine Reise in die unsichtbare Perspektive des menschlichen Zustands. Seine Fotografie überwindet alle Grenzen und präsentiert bewegende Geschichten von Individuen und Gemeinschaften.

DEEDS WORLD - Courtesy of Kasseler Kunstverein - Schaetzle_Olwe - 2

Helena Schätzle / Sudharak Olwe

Die Häuser von 14 Pardhi Familien wurden von höherkastigen Dorfbewohnern komplett zerstört und die Familien von ihrem Land vertrieben. Der Stamm der Pardhi, der 1871 kollektiv von den Briten als Kriminell erklärt wurde, weil sie sich gegen deren Vorherrschaft aufgelehnt hatten, ist bis heute aus der Gesellschaft ausgegrenzt und häufiger Gewalt ausgesetzt. Meghabais Ehemann Nanjibhai wurde mich Eisenstangen brutal zu Tode geprügelt, weil er eine Nachforschung über Korruptionsfälle einforderte, die während der Legislaturperiode eines höherkastigen Bürgermeisters aufgetreten waren. Bereits zuvor war versucht worden die Familie einzuschüchtern. Siebzig höherkastige Dorfbewohner attackierten Meghabais Haus. Meghabai wurde dabei sexuell belästigt und ihrem Schwiegervater mit einem Schwert in die Schulter gehackt. Die Häuser von 14 Pardhi Familien wurden von höherkastigen Dorfbewohnern komplett zerstört und die Familien von ihrem Land vertrieben. Der Stamm der Pardhi, der 1871 kollektiv von den Briten als Kriminell erklärt wurde, weil sie sich gegen deren Vorherrschaft aufgelehnt hatten, ist bis heute aus der Gesellschaft ausgegrenzt und häufiger Gewalt ausgesetzt.

Helena Schätzle / Sudharak Olwe

Sarah Metz / Janosch Feiertag

Sarah Metz ist Produktdesignerin und engagiert sich in Kunstvermittlung und sozialer Gestaltung.
Janosch Feiertag ist freier Künstler, Illustrator und Galerist. Gemeinsam organisieren sie Ausstellungen, Konzerte, Currywurstbuden und Aktionen im öffentlichen Raum. Gerade eröffnen sie eine offene Druckwerkstatt in Kassels Mitte.

Echo Can Luo

Echo Can Luo ist im Jahr 1988 in China geboren. Von 2006 bis 2010 studierte Luo Multimedia Design
an der China Academy of Art. Luo erhielt 2018 ihren Master an der Kunsthochschule Kassel und
wurde eine Meisterschülerin bei Prof. Joel Baumann. Basierend auf den Algorithmen, einschließlich 3D-Modellierung, 3D-Photogrammetrie und Gesichtsverfolgung, zielt ihr Projekt darauf ab, den voreingenommenen und differenzierten Algorithmus beim Anwenden und Testen der Software bzw. des Einflusses von Diskriminierung und Voreingenommenheit auf reale Situationen und Daten. Sie hat an Monitoring, dem 34. Kassel Dokfest teilgenommen und ihre Arbeiten an der CAA Kunst-Museum in Hangzhou China, Panke Gallery Berlin, Kunstraum Villa Friede Bonn, MdbK Leipzig, Der REAKTOR Wien und anderen Orten gezeigt.

Lisa Dreykluft

Lisa Dreykluft studierte Bildende Kunst an der Kunsthochschule Kassel und der Bath School of Art
and Design, Vereinigtes Königreich. Ihre Arbeiten aus den Bereichen Video, Installation, Neue Medien und Performance wurden unter anderem auf Festivals wie dem Internationalen Frauenfilmfestival Dortmund | Köln, Thresholds Performance Festival, Düsseldorf, Elles Tournent, Brüssel oder Kasseler Dokfest sowie Ausstellungsorten wie dem CAA ART MUSEUM, Hangzhou, Reaktor, Wien oder panke.gallery, Berlin gezeigt.

Holger Jenss

Holger Jenss studierte Theater- Film- und Medienwissenschaft an der Uni Wien und Visuelle
Kommunikation an der Kunsthochschule Kassel. Er arbeitet mit den Medien Fotografie, Film und Sound. Schwerpunkte seiner Forschung und Arbeit liegen auf der Auseinandersetzung mit normativen Bildwelten, sowie auf der Frage, wie subkulturelle und Mainstream Kontexte sich durch visuelle Codes und deren Übertragungen konstruieren, und auf postkolonialen Perspektiven im Hinblick auf Fotografie und Popkultur. Er zeigt seine Arbeiten in Ausstellungen und Filmscreenings.

Romina Abate

Romina Abate kombiniert verschiedene Medien wie Zeichnung, Fotografie, Video, Performance
zu skulpturalen Arrangements und Installationen. In ihren mehrdimensionalen Arbeiten untersucht
sie Assoziations,- und Verweisbenen zwischen Sprache, Bild, Objekt und Raum, sowie damit
einhergehende Bedeutungs,- und Kontextverschiebungen. Fundstücke, sowie Abbildungen und
Begriffe aus Lexika bilden mehrdeutige, poetische, fragmentarische und non-lineare Erzählungen.
Die Werke, Versuchsaufbauten ähnlich, befragen gewohnte Darstellungs- und RePräsentationsmodi, sowie Produktions- und Rezeptionsweisen installativer Kunst und entwerfen eigene Ordnungs- und Referenzsysteme. Romina Abate, geb 1982 am Bodensee, studierte an der Kunsthochschule Kassel Bildende Kunst bei Prof.in Dorothee von Windheim, Prof. Christian Philipp Müller und Prof. Florian Slotawa, dessen Meisterschülerin sie 2014 war. Sie erhielt zahlreiche Stipendien im In- und Ausland, zuletzt das zweijährige Georg-Meistermann-Stipendium des Cusanuswerks. Derzeit arbeitet sie als Künstlerische Mitarbeiterin an der Kunsthochschule Kassel in der Klasse für Kunst im zeitgenössischen Kontext.

Mike Huntemann

Mike Huntemann (*1992) ist Medienkünstler und Researcher aus Kassel. In seiner künstlerischen Praxis forscht er zur Produktion und Verbreitung von nutzergenerierten Inhalten auf Social Media Plattformen, untersucht Internetstrukturen zum Thema Privatsphäre und Überwachung und entwickelt Installationen zu algorithmischen Entscheidungsprozesse. Für seine Videoarbeiten benutzt er Software-Tools, um Found-Footage Material automatisiert aufzuspüren, zu kategorisieren und zusammenzusetzen. Mike Huntemann studierte bis 2019 Neue Medien an der Kunsthochschule Kassel und setzt dort seine Arbeit als künstlerischer Mitarbeiter zu dezentralen Netzwerken und Kryptowährungen fort.

WO? Kasseler Kunstverein, Friedrichsplatz 18, 34117 Kassel, Tel. 0561 771169, info@kasselerkunstverein.de

Öffnungszeiten
Dienstag – Sonntag & feiertags 11 – 18 Uhr, Donnerstag 11- 20 Uhr
In der aktuellen Situation wird auf eine Eröffnungsfeier verzichtet.

Eintritt
Während der Ausstellung -=+ ist der Eintritt im Kasseler Kunstverein frei

TIPP: KW 36 – Kasseler Woche der Museen, 01. – 06.09.2020
Dienstag – Samstag 11 – 19 Uhr, Sonntag 11 – 18 Uhr


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