Bild der Woche | Galerie Dittmar | Begegnungen mit der Kunst und ihrem Vermittler

Die Berliner Galerien wählten während der Zeit des Lockdown und der darauf folgenden Kontaktbeschränkungen unterschiedliche Wege, um mit den Kunstinteressierten in Verbindung zu bleiben. Dr. Peter Dittmar von der Galerie Dittmar entschied sich für das “Bild der Woche”. Fast drei Monate lang versandte er per Email einmal wöchentlich die Abbildung eines Werkes aus seinem Galerieprogramm. Jedes Werk wurde von einem kurzen Text begleitet, den Peter Dittmar individuell verfasste. “Die Kurztexte mussten überlegt sein, die Bilder, so schön sie sind, sollten nicht allein gelassen werden,” erläutert Peter Dittmar, der seit 30 Jahren als Galerist tätig ist, seine Idee. “Die Texte sollten Jargon und wolkiges Reden vermeiden, klar und dabei differenziert sein und zu einer Kernaussage kommen, ebenso die von Fall zu Fall eingestreuten Zitate. Es gab kein Schema, jeder Text war individuell in dieser komprimierten Form anzulegen.”

Peter Dittmar gelingt es auf diese Weise, die Betrachtung eines einzelnen Werkes – in Begleitung der zwar komprimierten, aber doch erzählerischen und informativen Texte – zu einer Form der Begegnung werden zu lassen. Zu einer Begegnung nicht nur mit der Kunst, sondern auch mit dem Menschen, der die Kunst vertritt und vermittelt. Dittmar beweist neben den detaillierten kunstgeschichtlichen Kenntnissen auch die gebotene Sensibilität auf dem Gebiet des “Erklärens” von Werken. Zwar kann die virtuelle Kunstbetrachtung das physische Sehen und Erleben von Kunst in der Galerie nicht ersetzen. Nicht umsonst beschließt Dittmar seine Serie mit dem Zitat: “You can’t really understand most galleries without visiting their physical spaces.“ Aber diese Form der Annäherung an ein Werk kann die reale Betrachtung ergänzen, unser Verständnis von ihm vertiefen und unser Verhältnis zu ihm intensivieren. Mit diesem Artikel möchten wir Sie an der Begegnung teilhaben lassen.

8. April 2020
Bild der Woche: Hana Usui, August 1945
ART at Berlin - Courtesy of Galerie Dittmar - Hana Usui - 2018

Hana Usui, August 1945, 2018, Öl und Tusche auf Papier (zwei Lagen), 35 x 135 cm

Die Arbeiten der japanische Künstlerin Hana Usui, 1974 in Tokyo geboren, sind bei aller Verhaltenheit von großer Komplexität. Das betrifft das Verhältnis von Ölzeichnung und Tuschmalerei (vermehrt auch von Fotografie), die Verbindung von Zeichnerischem und Malerischem, von linearer Prägnanz und Räumlichkeit. Der sich daraus ergebende Reichtum an Ausdrucksebenen prägt auch die kritischen Arbeiten, die in den letzten Jahren vorherrschten. Diejenigen zur Geschichte des eigenen Landes, zu Fukushima oder Hiroshima, erschließen dem Thema eine neue Dimension, indem sie sich fernhalten von allem Plakativen wie vom bloß Dokumentarischen und sich nie als politisches Manifest verstehen. Sie gewinnen durch diese Distanz und das nur Andeutende und Zeichenhafte in den künstlerischen Mitteln eine, um es so zu sagen, stille Intensität und bleiben gleichzeitig offen für Fragen. Mahnung und Appell erweisen so, aus dem Kontext des historisch Bedingten herausgelöst, ihre fortdauernde Gültigkeit.

23. April 2020
Bild der Woche: Hannsjörg Voth, Boot aus Stein
ART at Berlin - Courtesy of Galerie Dittmar - Hannsjoerg Voth - 1979

Hannsjörg Voth, Boot aus Stein, 1979, verschiedene Techniken, 30 x 42 cm

Hannsjörg Voth, 1940 geboren, beschäftigte sich seit Beginn der siebziger Jahre mit aufwendigen Projekten, die im Zusammenhang mit der damaligen Bewegung der Land Art stehen und in ihrer mythengesättigten Größe weltweites Aufsehen erregten. 1978 erfolgte die „Reise ins Meer“, die kultische Fahrt einer riesigen Mumie auf dem Rhein, eine Zeit-, Lebens- und Todesreise bis zu ihrer Zerstörung. Unmittelbar darauf folgte, inhaltlich daran anknüpfend, das „Boot aus Stein“: Der Künstler ließ im flachen Meer vor der holländischen Küste über einen Pfahlbau eine zwölf Meter hohe Pyramide errichten, in der er aus einem mächtigen Dolomitblock ein Boot meißelte. Das Werk zeichnete sich durch seine monumentale Geschlossenheit und reichste symbolische, auch antike Mythen wiederbelebende Bezüge aus. Seit Mitte der achtziger Jahre widmete sich dann Voth für zwei Jahrzehnte den gewaltigen Land-Art-Projekten, den Bauskulpturen in der marokkanischen Wüste jenseits des Hohen Atlas.

Die die Projekte begleitenden Zeichnungen von Voth nehmen einen besonderen Rang ein. Sie sind Ideenskizzen, Konstruktions- und Architekturzeichnungen, bildmäßig ausgeführte Blätter und besitzen einen eigenständigen Werkcharakter. Einen wesentlichen Teil der Unternehmungen stellen zudem die Fotografien der Frau des Künstlers, von Ingrid Amslinger, dar; über die wichtige Funktion der Dokumentation hinaus vermitteln sie eine Vorstellung ihrer Magie und archaischen Größe.

Eine umfangreiche Ausstellung zu Hannsjörg Voth und Ingrid Amslinger im Von der Heydt-Museum Wuppertal, die am 24. März 2020 eröffnet werden sollte, musste umständehalber verschoben werden.

ART at Berlin - Courtesy of Galerie Dittmar - Ingrid Amslinger - 1981

Ingrid Amslinger, Boot aus Stein, Fotografie, 1981, 28 x 38 cm

30. April 2020
Bild der Woche: Hideaki Yamanobe, Forest No. 2
ART at Berlin - Courtesy of Galerie Dittmar - Hideaki Yamanobe - 2013

Forest No. 2, Scratch, 2013, Acryl auf Leinwand, 180 x 210 cm

Hideaki Yamanobe, 1964 in der Nähe von Fukushima geboren und in Deutschland und Japan lebend, zählt international zu den bedeutenden Künstlern der mittleren Generation. Sowohl der östlichen wie der westlichen Tradition verpflichtet, fand er schnell zu einem unverwechselbaren bildlichen Ausdruck. Die Materialität der Arbeiten mit ihren transparenten, dann wieder opak wirkenden, auf Schwarz und Weiß aufbauenden Farbschichten korrespondiert in vielfältiger Weise mit räumlichen und atmosphärischen, landschaftlichen Bezügen. Mit sparsamen Mitteln und auf der Basis der farblichen Beschränkung, die erst den Nuancenreichtum ermöglicht, entstehen Bildlösungen von großer Eindringlichkeit.

2000 und 2002 realisiert Yamanobe für Helmut Lachenmanns „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ die Bühnenausstattung für die Aufführungen in Tokyo und bei den Salzburger Festspielen. Unter den vielen Ausstellungen setzten besondere Akzente 2003 die in der Kunsthalle Mannheim, die in einer Gegenüberstellung bedeutender künstlerischer Positionen Carl Andre und Yamanobe zusammen präsentiert, 2008 die Ausstellung im Schloss Morsbroich „Stratus“, 2013 diejenige im Marburger Kunstverein unter dem Titel „Die Fülle der Leere“.

7. Mai 2020
Bild der Woche: Arnulf Rainer
ART at Berlin - Courtesy of Galerie Dittmar - Arnulf Rainer - 2005

Arnulf Rainer, Kanarien, 2005, Acryl, Kohle auf Papier, 59×42 cm

Früh, mit den radikalen Übermalungen und Kruzifikationen seit Mitte der fünfziger Jahre, zeichnete sich die Bedeutung Arnulf Rainers für die Malerei der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ab. Das Werk bewegt sich in der Folge zwischen den Polen der der Monochromie angenäherten Zumalungen, kontemplativen Lösungen, und einer von großer Intensität getragenen Expressivität. Die Fähigkeit, aus dem Fundus dieser früh entwickelten polaren Ausdrucksformen zu schöpfen, sie weiterzuentwickeln und für andere Themen neu fruchtbar zu machen, bleibt charakteristisch für Arnulf Rainer. Dies bewahrte das Werk vor jeder Verflachung und verleiht ihm seinen Reichtum und seine durchgehende Spannung. Viele späteren Arbeiten, so die Gruppe der Kanarien-Bilder, sind wie eine Synthese aus spontaner, expressiver Zeichnung und dem transparenten Farbschleier, der sich aus den frühen Zumalungen entwickelte. Bei all den Serien von Rainer ist das einzelne Blatt nie eine Variante des Vorhergehenden, sondern eine eigenständige individuelle Formulierung.

14. Mai 2020
Bild der Woche: Mona Breede, Day in Day out
ART at Berlin - Courtesy of Galerie Dittmar - Mona Breede - 2007

Mona Breede, Day in Day out, Chicago 2007, Fotografie, 95 x 120 cm

Mona Breede gewann mit ihren atmosphärisch dichten, gleichzeitig formal strengen Arbeiten eine eigenständige Position innerhalb der zeitgenössischen Fotografie. Sie zeigt Menschen in Bezug vorwiegend zum städtischen Raum, auch zur Landschaft. Sie entwickelte dabei eine Sicht auf die Menschen, auf ihre Haltung, Bewegung, Interaktionen, die eine eigene Ästhetik und kompositorische Stringenz entfaltet und als choreographisch bezeichnet werden kann. Die Architekturen bilden die Folie für die Menschen, binden sie aber gleichzeitig in einen sozialen Kontext. Hinweise auf Einsamkeit und soziale Spannung gewinnen Zeichencharakter, werden fast emblematisch vorgeführt und geben den Darstellungen eine sinnbildliche Kraft. Das Gefühl für die Realität der urbanen Räume und das choreographische Moment bleibt aber stets gewahrt.

21. Mai 2020
Bild der Woche: Marcel Gähler
ART at Berlin - Courtesy of Galerie Dittmar - Macel Gähler - 2019

Macel Gähler, 2019, Bleistift auf Papier, 6,7 x 8,8 auf 15 x 21 cm

Das zunächst als dokumentarisch zu verstehende Verfahren des Schweizer Künstlers Marcel Gähler umfasst verschiedene Bedeutungs- und Ausdrucksebenen. Das bezieht sich zunächst auf das Verhältnis zur Fotografie (die Aufnahmen entstammen dem persönlichen Umfeld des Künstlers) und die Art und Weise, wie diese einer bestimmten Welterfahrung und künstlerischen Transformation im Medium der Zeichnung dienstbar gemacht wird. Die aufwendige Arbeitsweise schließt mehrere Zwischenstufen ein, an deren Ende die Graphitzeichnung steht. Ihr gewinnt der Künstler außerordentliche Möglichkeiten in der Wiedergabe der, selbst schon vermittelten, Realität ab, wobei sich die Detailakribie nicht verselbständigt. Das Kontinuum des dichten Strichgefüges, der Grauwerte und -abstufungen führt zu einer homogenen bildlichen Erscheinung und konstituiert eine eigene komplexe Bildrealität.

„Die monochrome Tonigkeit und die besondere Rahmung als schräg zum Bildträger gestellte Projektionsfläche thematisieren gewissermaßen den Kernpunkt dessen, was Erinnerung charakterisiert: nämlich Flüchtigkeit und Vergänglichkeit. Denn durch die Verjüngung des Bildfeldes entsteht der Anschein, dass das Bild sich gleich wieder ablöst…, wie wenn hier nur ein lichter Moment aus der Finsternis erstrahlt.“ (Kathleen Bühler, Kunstmuseum Bern)

28. Mai 2020
Bild der Woche: Sharka Hyland
ART at Berlin - Courtesy of Galerie Dittmar - Sharka Hyland - 2016

Sharka Hyland – Thomas Mann, Der Zauberberg (Schnee), 2016, Bleistift auf Papier, 30,5 x 45,5 cm

„Sharka Hyland konfrontiert uns nicht nur mit einer Neuinterpretation von dem, was eine Zeichnung ist, sondern auch mit einer solchen des Erzählerischen. Die meisten von uns bedienen sich irgendeiner Art von Narrativ, wenn sie ein Kunstwerk schaffen oder betrachten. Wenn nun das Narrativ, so wie es ist und unverändert, sogar der Text selbst, das Kunstwerk ist?

Sharka Hyland zeigt mit Graphit ausgeführte Zeichnungen von Textpassagen, die der bedeutenden erzählerischen Literatur oder der Poesie entnommen sind. Wir alle verbinden mit einem Kunstwerk eine bildliche Vorstellung. Sharka Hyland fordert diese Erwartung heraus, indem sie uns ein perfektes Bild liefert, welches nur geschrieben ist, das Bild eines Textes. Die Texte, die sie auswählt, sind von hoher visueller Qualität, und wenn sie gelesen werden, wird die Imagination des Lesers (des Betrachters) davon stark angesprochen. Die Künstlerin gibt uns ein Bild, das des Bildlichen entbehrt; es liegt am Betrachter, dieses in seinem Geist, einzig für sich, zu schaffen oder wieder zu erschaffen.

Unabhängig von den Überlegungen zu diesem anspruchsvollen Konzept nehmen die Textbilder schon durch ihre schöne zeichnerische Form, durch ihre große ästhetische Ausstrahlung ein, auch wenn man sie nicht liest. Der wiedergegebene Text selbst, seine Gestalt und Textur, ist rein und vollkommen in seiner Einfachheit.“ (Sabina Tichindeleanu)    

4. Juni 2020
Bild der Woche: Rudolf Englert, Ibiza
ART at Berlin - Courtesy of Galerie Dittmar - Rudolf Englert - 1978

Rudolf Englert, Ibiza, Januar, 1978, Farbstift, Tusche, 23 x 32 cm

Rudolf Englert (1921-1989) entwickelte seit Anfang der sechziger Jahre parallel zu anderen ähnlich gelagerten Bewegungen, wie ZERO, aber weitgehend unabhängig seine Formensprache. Es entstanden in dichter Folge systematisch erarbeitete Werkfolgen vorrangig auf Papier. Die frühen Zyklen fanden durch Ausstellungen in führenden Häusern, wie 1962 in der Kunsthalle Kiel, breite Resonanz. Die Kunstkritik, so Will Grohmann 1964, hob die besondere Position Englerts innerhalb der Avantgardeströmungen hervor.

In den siebziger Jahren wurden die Kompositionen komplexer und bildmäßiger in der Anlage. Der Schriftcharakter wie die Anklänge an musikalische Notationen, die sich früh abzeichneten, treten deutlicher in den Vordergrund. In dem Vorgehen Englerts manifestierte sich der prinzipiell andere Ansatz im Vergleich zu den sonstigen Strategien zur Schrift und Schriftgeste im Bild. Englert erschloss der Zeichnung auf diesem Wege mit seinem Instrumentarium neue Spielräume und Ausdrucksformen. Mit seinen vermeintlich „leicht fassbaren und einfachen Mitteln erreichte Englert eine vielfältige Komplexität, eine Leichtigkeit und Dichte der Wirkung, eine sinnliche Verführungskraft und unerschöpfliche Faszination“. (Erich Franz)

11. Juni 2020
Bild der Woche: Sean Scully, Block
ART at Berlin - Courtesy of Galerie Dittmar - Sean Scully - 1986

Sean Scully, Block, 1986, Holzschnitt auf Japanpapier, 93,3 x 102,8 cm

Zu Sean Scullys letzten großen internationalen Ausstellungen gehörten die auf den Biennalen in Venedig 2015 und 2019 im Palazzo Falier und in San Giorgio Maggiore, ebenfalls 2019 im Museum für Kunst und Kulturgeschichte in Münster. Im Werk Scullys stehen die monumentalen Leinwände, die Arbeiten auf Papier und die Graphik mit ihren jeweils spezifischen Ausdrucksmöglichkeiten auf der Basis des gleichen Grundvokabulars gleichrangig nebeneinander. „Die ambivalenten Beziehungen der Farbflächen untereinander, die in immer wiederkehrenden Konstellationen gegeneinander oszillieren, führen sublim die Dialektik des scheinbar immer gleichen vor. Entscheidend bei Scully ist zum einen das Geheimnis der Farbwahl, in der stets gebrochene, vielfach abgewandelte Töne dominieren, sodann seine Fähigkeit, ein spezifisches Licht zu schaffen, das inneres Bildlicht ist.“ (Michael Semff, ehem. Direktor der Graphischen Sammlung München)

Sean Scully: „Der Holzschnitt erweitert die künstlerische Sprache; es gibt hier in der Geschichte wunderbare Ergebnisse. Er unterscheidet sich vom Aquarell und vom Pastell wie diese untereinander differieren, wobei Holzschnitt und Pastell sich in den haptischen und sinnlichen Qualitäten ähneln. Das verwendete Japanpapier für einige meiner Holzschnitte war besonders qualitätsvoll und nahm in schönster Weise die Farbe auf.“ 

18. Juni 2020
Bild der Woche: Gottfried Salzmann
ART at Berlin - Courtesy of Galerie Dittmar - Gottfried Salzmann - 1984

Gottfried Salzmann, Grüne Allee, 1984, Aquarell auf Papier, 31 x 48 cm

Gottfried Salzmann, 1943 bei Salzburg geboren, seit 1965 in Frankreich lebend, fand früh mit seinen Landschaftsbildern, den Aquarellen und Zeichnungen, Anerkennung. 1982 erschien die große Monographie von Walter Koschatzky, dem damaligen Direktor der Albertina in Wien, ebenfalls 1982 die Monographie von Wieland Schmied zu den Zeichnungen.

„Obwohl Gottfried Salzmann in der Tradition der großen Aquarellmeister steht, bleibt er in der Art der Farbgebung und im Aufbau der Bilder ganz eigenständig. Sie sind über die Virtuosität in der Handhabung der Technik hinaus von großer Komplexität und hierin singulär. Salzmann vermag aus dem Weiß des Papiers ein expressives Grundgerüst aufzubauen, das gleichrangig neben die Farbe tritt und darüber hinaus ein stabilisierendes Element für die Komposition bildet. Die Farbverläufe und -spuren, die wie zufällig über das Papier verteilt scheinen, sind von einer Delikatesse, der nichts Gefälliges anhaftet, schon aus dem Grund, weil sie nie einen Wert für sich haben, sondern in ihrer Ausbalanciertheit für die Gesamtkonzeption stehen.“ (Klaus Albrecht Schröder, Direktor der Albertina Wien, 2006)

„Gottfried Salzmann hat sich von Anfang an ein doppeltes Thema gestellt: Die Landschaft, und die Schwierigkeit, heute Landschaft als Kunst erscheinen zu lassen. Dafür musste er sich ihrer erinnern und sie beschwören; so entstehen Landschaften, die sich entziehen, die zögern hervorzutreten, als wäre ihre Zeit vorbei oder noch nicht gekommen. – Die Strategien der Verweigerung der Landschaft zielen auf Erkenntnis.“ (Wieland Schmied, Die Verweigerung der Landschaft. Der Zeichner Gottfried Salzmann, 1982)

25. Juni 2020
Bild der Woche: Aldo Rossi, Architettura urbana
ART at Berlin - Courtesy of Galerie Dittmar - Aldo Rossi 1974

Aldo Rossi, Architettura urbana, 1974, Farbkreide, 30 x 22 cm

Aldo Rossi, einer der bedeutendsten Architekturtheoretiker des 20. Jahrhunderts, hatte sich gegen das geschichtsentleerte moderne Bauen gewandt, das die Städte ihres historischen Zusammenhangs und ihrer ursprünglichen Funktion beraubte. Dem setzte er die Vorstellung einer rationalen Architektur entgegen, die die europäische Stadt im Bewusstsein lebendig hielt und ihre Baugeschichte als Idee und als Orientierung zu bewahren suchte. Die Tradition hatte sich nicht dem Neuen zu verschließen, sondern der Architektur durch den ihr innewohnenden archetypischen Kern neue Wege zu öffnen.

Gleichzeitig war Aldo Rossi ein hochbedeutender Zeichner. Er schuf ein außerordentlich vielfältiges zeichnerisches Werk, das seine Theorien begleitete wie seine Bauvorhaben oder ganz autonom angelegt ist. Die Grenzen können verschwimmen; utopische Vorstellungen, das typologische Arsenal des Architekten und konkrete Pläne können sich verbinden. Auch die projektbezogenen Zeichnungen haben stets eine große Ausdrucksqualität. Eine besonders suggestive Arbeit ist die „Architettura urbana“, in der sich neben anderen Verweisen Anklänge an die pittura metafisica und, weiter zurück, an die Stadtprospekte der italienischen Renaissance finden.

„The future of the art world is not digital. You can’t really understand most galleries without visiting their physical spaces.“Marc Spiegler, Financial Times

Mit dieser Arbeit von Aldo Rossi endet die Folge „Bild der Woche“.

Galerie Dittmar
Auguststraße 22
10117 Berlin-Mitte
+49 30 280 985 40

www.galerie-dittmar.de

Texte: Dr. Peter Dittmar und zitierte Autor*innen
Einleitung: Stephanie Schneider

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